Lustige und traurige Erlebnisse von Senioren
Hier werden in unregelmäßiger Folge Kurzgeschichten veröffentlicht.
Wenn auch Sie ein nettes Erlebnis hatten, dürfen Sie es uns gerne zusenden.
Die zwei Brüder
Bei einem jener unvermeidlichen Empfänge, die man bei Prosecco und Smalltalk wohl oder übel durchstehen muß, bin ich an die Frau Doktor Regine Windmüller geraten, die ich bisher nur von ferne, vom Hörensagen, gekannt hatte. Das war, wenn ich mich recht erinnere, Mitte der achtziger Jahre, und Anlaß war die "Woche der Brüderlichkeit". Sie sei zwar Christin, sagte Frau Windmüller, das Weinglas in der Hand behutsam hin und herkippend, aber sie besuche auch die Synagoge und dann und wann den Gottesdienst der Moslems in der Moschee, wie sich´s ergebe. Wenn sie die Gebete, die Gesänge, die rituellen Verrichtungen dieser Andersgläubigen betrachte, staune sie immer über die Vielfalt der Offenbarung Gottes. Und sie sei dann auch nicht frei von Zweifeln. – Eng ist sie nicht, dachte ich, und es kam zu einem guten Gespräch.
Frau Windmüller war Studienrätin für Griechisch und Latein an einem hiesigen Gymnasium. Obschon jenseits der Fünfzig war sie, wie ich im Laufe dieses Gesprächs bemerkte, noch immer eine wahrhaft anmutige Frau, und ich wunderte mich, warum sie allein geblieben war in ihrem Leben. "Auch eine Frau jener Jahrgänge," dachte ich, "denen der Krieg die Männer genommen hat."
Dankbar war ich später Frau Windmüller, daß sie in der Zeit, als das Unglück über unsere Familie hereinbrach, sich in mütterlicher Weise um meinen jüngsten Sohn Johann , den sie damals unterrichtete, gekümmert hat. Ich habe ihr meine Dankbarkeit kundgetan, und sie hat sich darüber gefreut. Wenn wir uns in der Stadt zufällig trafen, haben wir stets einen Schwatz gehalten.
Nach ihrer Pensionierung vor zehn Jahren habe ich sie eine Weile nicht mehr gesehen. Dann, an einem Wintertag, ist sie mir über den Weg gelaufen. Sie sei auf einem Spaziergang, sagte sie, und daß ich sie begleiten wolle, sei ihr recht. Wir gingen an dem verschneiten Seeufer entlang, an der Schmugglerbucht und der Lände vorbei bis zum Horn. Es war kalt, und so habe ich sie in den "Nikolaitorkel" zu einem Grog eingeladen.
Sie verbringe ihre Zeit kaum noch in unserer Stadt, sagte sie, sie lebe nun das Jahr über großteils in Südtirol, auf einem Bauernhof, hoch im Gebirge. Und das kam so: In den sechziger Jahren sei sie einmal mit ihrer Mutter, als diese noch rüstig gewesen sei, einige Sommerwochen lang Feriengast auf diesem Hof gewesen. Gastgeber waren zwei Brüder mittleren Alters, die Hauswirtschaft besorgte eine alte Schaffnerin. Die beiden Männer, sagte sie, seien ihr in einer bisher noch nie erfahrenen Verehrung begegnet, sie hätten sie, unbeholfen, aber werbend in großer Zartheit, aufmunternd und schonend zugleich, teilnehmen lassen wollen an ihrem Arbeitsalltag. Sie hätten sie gelehrt, die Sense zu führen, die Kühe zu melken, die Butter zu rühren, ein Huhn zu schlachten. Anfang September, wenn es abends kühl geworden sei, habe man den Kachelofen befeuert, und sie habe den feinen Duft des Holzrauchs genossen. So schön sei das gewesen, daß es sie fortan Jahr für Jahr den Sommer über dort hinaufgezogen habe. Dann sei ihre Mutter gestorben, und dann die alte Schaffnerin, und seitdem hausten die Brüder allein auf ihrem Hof, mehr schlecht als recht, denn sie seien arm geworden durch den Umbruch der Landwirtschaft in den letzten Jahren. Eine andere Magd hätten sie nicht finden können, wohl auch nicht finden wollen, und so sei ihre Wirtschaft einer gewissen Verwahrlosung anheimgefallen.
Freilich freue sie sich nach wie vor, wenn sie ins Gebirge fahre. Die beiden Brüder erwarteten sie dann immer auf dem Bahnhof in Brixen, man fahre mit dem Bus die Serpentinenstraße empor, die letzte Wegstrecke zum Hof auf einem Ochsenkarren. Sie putze dann immer drei Tage lang das Haus, sie hänge die Wäsche in die Sonne, sie koche und backe, aber all ihre Mühsal werde ihr vergolten durch das Glück, das sie aus den Augen der Männer geradezu leuchten sehe. Sie habe Jahr für Jahr mehr gespürt, wie sehr sie gebraucht werde, und so habe sie sich nach ihrer Pensionierung entschlossen, die meiste Zeit des Jahres da oben zu verbringen. Nur in den WinterKGen, wenn der Hof von hohem Schnee
eingeschlossen sei, werde ihr das Leben dort schwer erträglich, und dann komme sie in die Stadt zurück. – Sie schwieg und schaute an mir vorbei auf den sich eindunkelnden See hinaus.
Als ich den Geldbeutel auf den Tisch legte, um den Aufbruch anzuzeigen, legte sie mir ihre Hand auf den Arm. Die Brüder, sagte sie, liebten mich, beide, von allem Anfang an, aber ich habe niemals irgendeine Spur von Eifersucht wahrgenommen. Auch ich liebte die beiden, den einen übrigens mehr als den andern. Aber weil der andere wohl unglücklich geworden wäre, wenn ich den einen gewählt hätte, habe ich stillgehalten bis zum heutigen Tag.
Jetzt ist Februar, sagte sie, in vier Wochen ist Mitte März, dann fahre ich wieder hinauf. Sie kramte in ihrer Tasche und zog ein Photo heraus: Zwei verwitterte Bauerngesichter, - aber Regine hatte recht: Aus ihren Augen leuchtete ein Glück.
Seither habe ich Frau Regine Windmüller nicht wieder getroffen, auch im Winter nicht. Sie wird im Gebirge geblieben sein, denke ich, bei ihren Brüdern.
Freitag, der 13.
Der Wecker klingelt. Es ist 5:30 Uhr. Ich springe auf, haste ins Bad und mache mich fertig, fertig für die Geschäftsreise nach Bergisch-Gladbach.
Der Flug nach Köln-Bonn ist um 8:00 ab Stuttgart-Echterdingen. Die Fahrt von Reutlingen nach Echterdingen dauert ca. 30 Minuten, ich habe also ausreichend Zeit.
Doch kaum bin ich auf der B312 - Stau! Schließlich komme ich 5 Minuten nach 8 Uhr am Flughafen an. Was nun?
Da lese ich zu meiner großen Freude, dass der Flug aufgrund starken Nebels über Köln ca. eine Stunde später erfolgen wird.
Beruhigt checke ich ein und genieße - obwohl nur Business-class - die Vorzüge der Senators lounge, ein Service der Lufthansa wegen der Verspätung.
Dann endlich starten wir, d.h. wir versuchen es.
Wegen eines Motorschadens dreht die Maschine auf der Startbahn um. Zurück in der Abflughalle rufe ich beim Auftraggeber an und erkläre ihm das Malheur. Etwas später ruft er zurück und bittet mich, die Maschine
nach Düsseldorf um etwa 9:45 zu nehmen. Man werde mich am Flughafen Düsseldorf abholen. Gesagt, getan! Und gerade noch erwische ich diese Maschine.
Am Flughafen Düsseldorf erwartet mich dann eine Lautsprecheransage, die mich bittet zum Informationsschalter zu kommen. Dort erfahre ich, ich solle ein Taxi nehmen, da der Fahrer verhindert sei.
Ich steige also in ein Taxi und bitte den Fahrer, mich nach Bergisch-Gladbach zu bringen.
Nach einer endlos langen Fahrt, kurz vor Bergisch-Gladbach, streikt plötzlich der Motor des Taxis. Mit einem herbeigerufenen, zweiten Taxi komme ich dann endlich mit einigen Stunden Verspätung beim Auftraggeber an.
Nach einem langen Arbeitstag bringt mich dann gegen Mitternacht ein Mitarbeiter der Firma zum Hotel. Wir verabreden, dass er mich am nächsten Tag um 7 Uhr wieder abholen wird.
Doch welch eine Überraschung an der Rezeption! Das Zimmer war für den Vortag reserviert worden - heute sei das Hotel ausgebucht.
Telefonisch reservieren sie mir freundlicherweise ein anderes Hotel. Mein Fahrer ist natürlich schon weg und ich muss erneut ein Taxi nehmen zu dem anderen Hotel und natürlich auch am nächsten Tag zur Firma. Mein freundlicher Fahrer wartete ja am falschen Hotel. Die Tagschicht an der Rezeption wusste natürlich nicht Bescheid und Handys gab es damals noch nicht!
Als ich endlich in der Firma ankomme, denke ich an das Lied von Reinhard Mey:
Freitag der 13.
Es ist allerdings wie in seinem Lied erst Donnerstag.
Völker hört die Signale
Als mein Sohn Max Anfang der 90er Jahre von Konstanz nach Leipzig zog, um dort an der Universität ein Studium zu beginnen, quartierte er sich bei Frau Helga Novak ein. Diese verfügte über eine Fünfzimmerwohnung, drei davon vermietete sie an Studenten. Sonntags bat sie die Herren regelmäßig zu Tisch, sie hatte gekocht, die Studenten mußten servieren. Zum Dank für die Fürsorglichkeit, die sie meinem Sohn angedeihen ließ, bot ich ihr im folgenden Jahr einen Ferienaufenthalt am Bodensee an, ich lud sie ein zu mir in mein Haus nach Konstanz.
Frau Novak war ein angenehmer Gast. Tagsüber schaute sie sich in der Stadt und in der Umgebung um. Sie setzte sich auf eine Bank an der Seestraße und beobachtete die Angler, sie besuchte die Blumeninsel Mainau, mit dem Schiff fuhr sie nach Überlingen und Lindau und anderswohin. Abends erzählte sie mir, wen und was sie gesehen hatte, den Grafen Bernadotte, zwei Zisterziensermönche auf der Birnau, eine Hochzeit, den Schaffhausener Rheinfall, und penibel rechnete sie vor, wieviel die Tasse Kaffee hier und das Sandwich dort gekostet hatte, - alles viel teurer als in Leipzig.
Frau Novak hatte ein kleines Proletarierfrauengesicht, ja, das gab es damals offenbar noch in der alten DDR – einen schmalen Mund mit tiefen Falten rechts und links, die zu erkennen gaben, daß sie manches hatte schlucken müssen in ihrem Leben, wohl aber auch, daß sie zurückzubeißen vermochte, wenn etwas über die Schnur ging, ein hartes, ein respektforderndes, ein gutes Gesicht. Sie bewegte sich ohne jegliche Scheu in meinem Haus, um Selbstverständliches bat sie nicht, sondern nahm es sich, und für Selbstverständliches dankte sie auch nicht. Komplimente wies sie schnoddrig
und lachend zurück, und sie zeigte auch keinerlei Verlegenheit, als ich sie in die Runde meiner Kollegen bat, die ich am Abend zu einer Flasche Wein eingeladen hatte. Sie schwieg, wo sie nichts zu sagen hatte, sie fragte, wenn sie etwas nicht verstanden hatte, und sie redete, wenn es paßte, furchtlos und frei.
"Ich bin pflegeleicht", sagte Frau Novak einmal, "denn ich war ein Pflegekind." Ihre Mutter habe sie, da unehelich geboren, freigegeben, nicht zur Adoption, aber eben für eine Pflegefamilie. Ihre ersten Lebensjahre, so habe man ihr berichtet, habe sie bei einem kinderlosen Ehepaar verbracht, das ein Wirtshaus in der Südstadt betrieb. Nach einiger Zeit hätten die Wirtsleute Bankrott gemacht und seien nach Amerika ausgewandert. Sie sei in ein Waisenhaus eingewiesen worden. Sechs Jahre sei sie alt gewesen, als sie zu den Bonnins gekommen sei, und daran könne sie sich noch wohl
erinnern. Die Bonnins hatten eine Metzgerei in Gohlis, und es gab eigentlich keinen triftigen Grund, das kleine Mädchen ins Haus zu holen, denn sie hatten schon einen Sohn. "Sie wollten eben noch eine Tochter", sagte Frau Novak, "die kam aber nicht, und so habe ich den freien Platz besetzen dürfen." Glück habe sie gehabt. Denn die Bonins seien fromme und gutherzige Menschen gewesen, und nie habe sie spüren müssen, daß sie nicht recht dazugehöre. Sie habe die Bonnins nie anders denn als ihre Eltern geachtet, "beide", sagte sie, "sind auch in meinen Armen gestorben, viele Jahre später."
Ihre Mutter sei übrigens jedes Jahr einmal von Berlin nach Leipzig gekommen und habe sie besucht. Dann habe sie ihr Sonntagskleidchen angezogen, sie habe sich mit der Mutter in ein Café am Augustusplatz gesetzt, habe Torte gegessen und Schokolade getrunken, und schon am Abend sei die Mutter wieder nach Berlin zurückgefahren.
Sie, Helga, sei eine gute, eine sehr gute Schülerin gewesen und hätte auch eine höhere Schule besuchen können. Aber die Bonnins brauchten sie in der Wurstküche und im Laden. Sie hätten sie wohl für den Harry, den jungen Bonnin, vorgesehen gehabt, "und wir hätten wahrscheinlich auch geheiratet, wenn der Harry nicht schon im Polenfeldzug gefallen wäre. Ja, ich denke, es wäre etwas geworden mit uns beiden."
1940 wurde sie zum Arbeitsdienst eingezogen. Vor die Wahl gestellt, in einer Munitionsfabrik zu arbeiten oder in einem Lazarett verwundete Soldaten zu pflegen, habe sie sich natürlich für das Lazarett entschieden. "Wissen Sie", sagte sie, "ich konnte Blut sehen, es machte mir nichts aus." Und sie habe so vorzüglich getan, was sie zu tun hatte, daß ihr die Oberin nach wenigen Wochen vorgeschlagen habe, eine ordentliche Lehre als Krankenschwester zu absolvieren. Dafür habe sie eine Menge Papiere beibringen müssen. Ihrer Mutter habe sie nach Berlin geschrieben und um die Geburtsurkunde gebeten. Die Mutter aber habe sich nicht gerührt, sie habe noch einmal und noch einmal geschrieben, dann habe bereits der Kurs begonnen, sie sei provisorisch zugelassen worden, die Direktorin habe sich eingeschaltet, habe der Mutter mit einem Gerichtsverfahren gedroht, und dann endlich, nach drei KGen, sei die Urkunde gekommen. Helgas leiblicher Vater, so war dem Dokument zu entnehmen, war Jude gewesen. Die Direktorin habe gesagt: "Jüdinnen sind nicht würdig, tapfere deutsche Soldaten zu pflegen. Du hast in diesem Haus nichts verloren!" Und so sei sie zurückgekehrt in die Metzgerei, und sie habe Fleisch und Wurst verkauft, immer weniger, je länger der Krieg dauerte.
Im Winter 43/44 sei es ungemütlich geworden. Eines Tages seien zwei Männer im Laden erschienen, hätten sich als Beamte der Geheimen Staatspolizei ausgewiesen und nach einer Helga Novak gefragt. Sie sei da zufällig im Keller beschäftigt gewesen. "Meine Mutter" – zum ersten Mal sagte sie "Mutter", meinte aber die Frau Bonnin-, "meine Mutter war eine ungewöhnlich kluge und auch tapfere Frau, sie hat sofort durchschaut, daß da ein Unheil droht." Und sie habe keck gelogen. Ihre Pflegetochter, habe sie gesagt, besuche derzeit verschiedene Verwandte im Bayrischen, wo sie sich momentan aufhalte, wisse sie nicht, aber sie werde wiederkommen in drei Wochen. Als die Beamten sich verzogen hatten, sei die Mutter Bonnin in den Keller gekommen: "Du wirst jetzt nicht mehr im Laden stehen", habe sie gesagt, "du wirst in der Wurstküche arbeiten, und wenn wieder unverhoffter Besuch ins Haus kommt, wirst du dich in den Hinterhöfen verdrücken."
Nach vier Wochen seien die Männer tatsächlich wieder erschienen, aber die Mutter Bonnin sei gerüstet gewesen. Die Helga sei leider noch immer nicht zurück, habe sie erklärt, habe die Herrschaften sodann ins Wohnzimmer gebeten, habe Würste und Brot aufgetragen und den beiden zum Abschied einen Rollschinken überreicht. "Wenn ihr wiederkommt", habe sie gesagt, "bitte ich um rechtzeitige Anmeldung, damit das Vesper vorbereitet werden kann." Alle vier Wochen seien die beiden Kerle aufgetaucht, nach ordentlicher Anmeldung wohlgemerkt, sie seien gefüttert worden und seien, reich beschenkt, abgestrichen. Nach ihr, sagte Helga, hätten sie schon gar nicht mehr gefragt. Einer der beiden habe sogar noch einmal drei Tage vor dem Einmarsch der Russen Einkehr halten wollen, aber die Mutter habe ihm gehörigen Bescheid gegeben: Wenn er nicht augenblicks verschwinde, lasse sie ihn von den Russen aufhängen.
"Ja, die Russen waren auch nicht sehr gemütlich", sagte Frau Novak. Sie hätten den Vater abgeholt, und der sei im Herbst zurückgekommen, entsetzlich abgemagert, müde und zerschunden und gerade noch rechtzeitig, um daheim zu sterben. Die Metzgerei habe aufgegeben werden müssen, sie habe dann in Fleischfabriken gearbeitet, eine Weile auch in einem Schlachthof, dann in einer Kantine, 1971 habe man sie mit der Führung eines Kiosks auf dem Leipziger Hauptbahnhof betraut. Dort habe sie den Verkauf von Wurst- und Butterbemmen eingeführt, die, weil appetitlich hergerichtet, zum Verkaufsschlager geworden seien, und nach fünf Jahren habe sie den Umsatz aufs Zehnfache hinaufgedrückt gehabt und sei Chefin von vier Mitarbeiterinnen gewesen. Jahr für Jahr sei sie zum "Tag der werktätigen Frauen" nach Berlin delegiert worden, sie habe Erich Honecker die Hand geschüttelt, und sie habe einen Orden entgegennehmen dürfen. "Ach, es war nicht alles schlecht in der Republik", sagte Frau Novak. Zwar gehe es ihr heute unstrittig besser als früher, "aber ich war meiner Lebetage lang ein treuer Mensch. Und so wähle ich die Kommunisten nach wie vor."
Ich griff in mein Kassettendepot und steckte die "Internationale" ins Gerät. Bei den Versen "Völker, hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht" – bei diesen Versen nestelte Frau Novak mit dem Taschentuch herum. Nein, nein, sie weinte nicht. Aber ich glaube, sie war gerührt.
Strandmädel
Anfangs erzählte sie mir, wenn immer ich sie traf, nachdem sie mir über den öden Alltag einer Sekretärin an der juristischen Fakultät unserer Universität ihr Herz
ausgeschüttet hatte, von ihrer glücklichen Theaterzeit in den Jahren der frühen DDR. Gespielt habe sie auf den Bühnen in Zittau, in Glauchau, Crimmitschau und
anderswo, kleine, aber auch glänzende Rollen, in Potsdam, zum Beispiel, die heilige Johanna von George Bernard Shaw. Reich sei man nicht gewesen, aber doch
von einer später nie wieder erlebten Fröhlichkeit. Warum sie die Republik verlassen und sich in den Westen aufgemacht hatte, um sich dort mit einer berufsfremden
und ungeliebten Arbeit ihr Geld zu verdienen, habe ich nie erfahren. Nein, die Politik sei es nicht gewesen, darum habe sie sich nicht gekümmert, und die
Lebensverhältnisse habe sie auch nicht als unerträglich drückend empfunden. Vielleicht war es mit ihren in der Erinnerung verklärten Bühnenerfolgen doch nicht so
weit her?
Eines Tages bin ich spät abends von der Schweizer Fremdenpolizei in Kreuzlingen angerufen worden. Da habe sich eine Frau Grete Goldfeil eingefunden, die
einigermaßen verstört sei, man wisse sich nicht so recht zu helfen, sie habe meinen Namen und meine Telephonnummer genannt. Ich bin über die Grenze gefahren
und habe sie tatsächlich in einem ramponierten Zustand angetroffen. "Ich werde Sie in Ihre Wohnung bringen", sagte ich, aber sie wehrte sich, und so habe ich sie
zu mir nach Hause mitgenommen.
Was war geschehen? – An der Universität hatte sich eine unerfreuliche Affäre ereignet, Akten waren gestohlen worden, Grete Goldfeil, die mit der Sache eigentlich
gar nichts zu tun hatte, wurde – wie übrigens andere auch – von der Staatsanwaltschaft geladen und vernommen. "Die Verhörmethoden", klagte Grete, "sind noch
immer dieselben wie in Leipzig damals im Herbst 1941." Und deshalb habe sie durchgedreht und sei in die Schweiz geflohen.
Was war 1941?
Die Gestapo habe bei einer überraschenden Kontrolle entdeckt, daß sie den gelben Stern der Juden nicht an ihre Kleider geheftet hatte, - warum auch, sei sie doch
nur ein "Mischling" und damals auch schon getauft gewesen. Man habe sie verhaftet, stundenlang sei sie in der Hindenburgstraße drangsaliert und endlich ins
Gefängnis eingeliefert worden. Kurz vor Weihnachten, sie habe schon auf eine Entlassung gehofft, sei sie vor eine Kommission gerufen und vor die Wahl gestellt
worden: Arbeitslager Riga oder KZ Ravensbrück. Natürlich habe sie sich für Riga entschieden, denn über Ravensbrück seien Horrorgeschichten, damals schon,
in Umlauf gewesen. Grete erzählte mir bis zum Morgengrauen, was los war in den baltischen und ostpreußischen Lagern, in Straßdenhof, im Kaiserwald, in
Stutthof, Hunger, Kälte, Schläge, Demütigungen, Drohungen. "Weißt du" – sie sagte jetzt "du" zu mir -, "es gab keinen Tag ohne Todesangst, ohne Angst, krank
zu werden und mit dem nächsten Transport an einen Ort gefahren zu werden, von wo niemand mehr zurückkehrte."
Es war schon hell, als sie mir das Wunder ihrer Errettung im Herbst 44 erzählte: Wie der junge Stephan Pfürtner wie ein Engel erschienen sei, wie sie ihr
Häftlingshabit abgelegt und die Kleider, die er mitgebracht, angezogen habe, wie sie mit ihm geflohen sei nach Danzig, wie sie dort im Haus seiner Mutter
verborgen worden sei bis zum Ende des Krieges.
Von Zeit zu Zeit, sagte Grete, werde sie von den Erinnerungen geschüttelt, und es verwirre sich ihr das Jetzt und das Damals. Sie werde von einer unsäglichen
Angst überfallen und könne nicht mehr unterscheiden. Dann stehe sie unter einem ungeheuren Zwang zur Flucht. So sei das gestern Abend gewesen. Sie zog den
Mantel an und verließ mein Haus.
Was mir die Grete erzählt hat in dieser Nacht und was sie mir erzählt hat immer wieder über die Jahre hinweg auf langen Spaziergängen durch den Lorettowald, was
ihr widerfahren ist in dieser dämonischen Lagerwelt, wiederhole ich hier nicht. Sie hat es aufgeschrieben, und wer will, kann es lesen in ihrem Buch, das sie Anfang
der 90er Jahre hat drucken lassen.
Manchmal stand sie überraschend vor meiner Tür und sagte, sie könne nicht schlafen, es sei ihr unheimlich in ihrer Wohnung. Dann ließ ich sie bei mir sein für zwei
oder drei Nächte. Einige Wochen hat sie in der Psychiatrie gelebt, und nur mit Mühe ist es mir gelungen, sie da herauszuholen.
Nun ist sie wunderlich geworden im Alter. Sie wohnt in einer kleinen Zweizimmerwohnung am Sonnenbühl, allein mit ihrer Schildkröte, mit der sie Zwiesprache hält
wie mit einem Kind. Alle paar Tage ruft sie mich an und sagt, sie wisse schon nicht mehr, warum sie habe anrufen wollen.
Neulich habe ich sie nachmittags zum Tee besucht. Grete hatte ihre besten Kleider angezogen, einen schwarzen Kaschmirpullover und einen hellgrauen Flanellrock,
und sie hatte sich eine prächtige Perlenkette um den Hals gelegt. Sie ging zur Kommode und holte ein Manuskript heraus: "Das habe ich geschrieben im Sommer 46", sagte sie. Und dann hat sie mir vorgelesen bis tief in die Nacht, eine wunderschön traurige Liebesgeschichte: "Strandmädel", eine Idylle im schrecklichen Umfeld.
"Ein Wunschtraum?" fragte ich. - "Ja und nein!" sagte Grete, den Mann habe es sehr wohl gegeben, und sie habe wahrhaftig einige selige Tage erlebt. Übrigens
habe sie diesen Mann 1954 zufällig wiedergetroffen, in Ostberlin, auf der Straße, unweit vom Brandenburger Tor. Aber er habe sie nicht wiedererkannt oder nicht erkennen wollen. Und inzwischen sei sie auch nicht mehr sicher, ob er es tatsächlich war. Aber sie erinnere sich noch ganz genau an diese Begegnung, denn tags darauf sei sie nach Westberlin gegangen und vom Flughafen Tegel nach Frankfurt geflogen.
"Oben ohne"
Auf Einladung einer Europaabgeordneten durften wir zwei Tage in Straßburg verbringen.
Nachdem wir die Abgeordnete den ganzen Tag bei ihrer Arbeit begleiten durften, lud sie uns für den Abend in ein sehr feines Restaurant
im Gerberviertel ein. Sie wollte uns um 20:00 am Hotel abholen.
Als dann der Portier anrief, um den Besuch anzukündigen, war meine Frau noch heftig im Bade zugange. Ich bat sie, sich zu beeilen. Nach einigen Minuten war sie dann
bereit. Da es sehr kalt war, zogen wir noch schnell unsere Mäntel über und eilten hinunter an den Empfang.
Wir entschuldigten uns für die Verspätung und gingen dann mit unserer Gastgeberin zum Auto und fuhren in das Restaurant. Obwohl dieses gut besucht war, hatte ich
den Eindruck, es gäbe mehr Personal als Gäste.
Drei Ober bemühten sich, uns unsere Mäntel abzunehmen. Ungeschickterweise zog mir der Ober mit dem Mantel auch gleich mein Sakko mit aus. Eilig versuchte ich,
es aus dem Mantel herauszuziehen. Aber, oh Schreck, es war kein Sakko vorhanden. Ich hatte es im Hotel vergessen!
Am liebsten wäre ich in den Boden versunken. Wie ein Dieb schlich ich mich an unseren Tisch. Das nach Meinung meiner Begleiterinnen vorzügliche Essen konnte ich leider
nicht recht genießen, zu sehr war ich beschäftigt, in Gedanken die Blicke der anderen Gäste abzuwehren.
Die Donau hinunter.
Mit Falk, dem Kollegen, habe ich viele Jahre lang, Semester für Semester, ein gemeinsames Seminar abgehalten.
Mittwochnachmittags saßen wir in der Fakultät oft nebeneinander. Einmal im Jahr besuchten wir mit unseren Frauen ein Restaurant und verbrachten einen frohen Abend zusammen. Dann erkrankte meine Frau an einem rapiden und heillosen Krebs. Ich setzte Falk davon in Kenntnis und bat ihn um Entlastung im Seminar. Einmal kam Falks Frau zu uns nach Hause, ich führte sie ans Krankenbett und ließ die beiden Frauen allein. Als sich Frau Falk nach einer Stunde von mir verabschiedete, sagte sie: „Ihre Frau ist sehr tapfer." Zwei Monate später ist meine Frau gestorben.
Falks Frau hat mich in der Zeit unmittelbar nach der Katastrophe mit wunderbar zarten Gesten in meinem Elend getröstet. Überraschend pflegte sie mich dann und wann nachmittags für eine halbe Stunde zu besuchen, und immer brachte sie mir ein Geschenk mit, einen Blumenstrauß, schöne Dinge, die sie auf irgendwelchen Trödelmärkten entdeckt hatte, einen kolorierten Kupferstich aus dem 18. Jahrhundert, einen ländlichen Mostkrug aus dem Schwarzwälder Biedermeier. Nach einigen Wochen stellte sie die Besuche ein. Ich verwunderte mich ein wenig, ohne aber nachzufragen. Falk und ich, wir setzten unsere Seminare fort, donnerstags von 10 bis 12.
Zwei Jahre später, kurz vor einem Seminarbeginn, sagte mir Falk, er sei heute nicht präpariert. Meine humorige Bemerkung, er habe am Vorabend wohl wieder einmal dem ordinären Vergnügen eines Championspiels im ZDF gefrönt, wies er kopfschüttelnd zurück. Nein, nein, er habe gestern wieder einmal seine Frau in die Onkologie der Universitätsklinik nach Freiburg gebracht. – "Wieder einmal?" – "Ja", sagte Falk, "seit zehn Jahren immer wieder in unterschiedlichen Abständen, und stets sind die Chirurgen am Werk gewesen." – "Warum haben Sie mir nie davon erzählt?" – " Sie wissen doch", sagte er, "in unseren Kreisen redet man über solche Verlegenheiten nicht!" – Ich bemühte mich in diesem Semester, Falk zu entlasten.
An einem Sonntag rief mich Falk in aller Frühe an. Er sitze am Bett seiner Frau in der Klinik. Es gehe ihr sehr schlecht, und auch er sei am Ende. Seit acht Tagen habe er keine Stunde geschlafen, und er habe in all der Zeit auch nichts gegessen. Er könne nicht mehr. – "Ich komme", sagte ich und fuhr mit dem Zug nach Freiburg. Als ich nach längerem Herumirren durch die Stockwerke und Gänge der Klinikgebäude das Zimmer endlich fand, erblickte ich auf dem Krankenlager eine Frau, der das Sterben ins Gesicht geschrieben war. Sie hatte die Augen geschlossen, der Fieberschweiß stand ihr auf der Stirn, ein dünnes Blutrinnsal lief ihr aus dem linken Mundwinkel über das weiße Kinn.
Falk saß zusammengekauert neben dem Bett.
Ich nahm ein feuchtes Tuch aus der Schüssel und wischte der Frau über Stirne und Mund. Sie öffnete die Augen und schien mich zu erkennen, jedenfalls glaubte ich ein wundersames Lächeln über ihr Gesicht huschen zu sehen. Dann schloß sie die Augen wieder. "Wir kommen zurück", sagte ich, nahm Falk am Arm, wir gingen in die Kantine, Falk aß, er aß nicht viel, aber er aß. Als wir ins Krankenzimmer zurückkehrten, schien die Frau zu schlafen. Ich drückte Falk die Hand, ich sagte "ich denke an Sie" und ging.
Das war sonntags. Schon am Dienstag rief mich Falk an und sagte, daß seine Frau in der Nacht gestorben sei. Sie habe einen ungeheuren Blutschwall erbrochen, er sei hinausgelaufen, habe nach dem Arzt gerufen, und als er wieder ins Zimmer gekommen sei, da sei sie schon tot gewesen. Die notwendigen Prozeduren habe er schon in Auftrag gegeben, er lasse die Tote, ihrem Wunsch gemäß, einäschern, und er bat mich, am Freitag nach Freiburg zu kommen, um Abschied zu nehmen, im Andachtsraum des Beerdigungsinstituts in der Feldstraße.
Wir waren zu dritt, - auch der Arzt, der Falks Frau all die Jahre über immer wieder operiert hatte, war gekommen. Die Urne stand auf einem Podest, ein Blumengebinde lehnte am Pfosten, zwei Kerzen brannten. Wir drei Männer standen, die Arme verschränkt, in einer Reihe und schwiegen. Nach einer Weile griff Falk in die Tasche, holte ein handtellergroßes Tongerät heraus, drückte auf einen Knopf, und wir hörten Händels "Feuerwerksmusik": "Die hat sie über alles geliebt", sagte Falk. Die Tonqualität war quälend, aber das störte Falk offenbar nicht. Wir verneigten uns, wir verließen den Raum, der Arzt begab sich in seine Klinik, Falk und ich fuhren über den Schwarzwald zurück nach Konstanz.
Unterwegs sagte Falk, er wisse nicht so recht, was er mit der Urne machen solle. Seine Frau habe ausdrücklich gewünscht, auf keinem Friedhof landen zu müssen. Gewünscht habe sie, daß ihre Asche in den Wind geworfen werde, wenn möglich von der Höhe eines Berges. Das ginge, sagte Falk, vielleicht in der Schweiz, nach deutschem Recht sei das aber verboten. Er sei ratlos, er habe die Urne einstweilen im Beerdigungsinstitut deponiert.
In der folgenden Zeit fuhr Falk alle paar Wochen nach Freiburg, um sich, wie er sagte, mit seiner Frau zu beraten. Manchmal begleitete ich ihn. Ein Angestellter des Instituts führte uns ins Depot, einen ebenso würdigen wie unheimlichen wohnzimmermäßig eingerichteten Raum: Sessel waren um einen niedrigen Tisch gruppiert, die Fenster waren mit tiefroten Samtvorhängen gerahmt, an der Wand hing ein Farbdruck von Böcklins "Toteninsel", in verglasten Regalschränken standen zahlreiche Urnen, die alle offenbar noch auf ihr Schicksal warteten. Der Angestellte schloß einen der Schränke auf, holte die mit einem Namensschildchen versehene Urne von Falks Frau heraus und stellte sie uns auf den Tisch. Dann ließ er uns allein. Da saßen wir nun eine Weile. Dann brachen wir auf, und anschließend machten wir uns immer einen guten Tag in Freiburg.
Nach einem Jahr sagte Falk: "So geht das nicht weiter. Wir holen die Asche heraus." Ich besuchte einen Beerdigungsunternehmer hier am Ort, eben jenen, der das Begräbnis meiner Frau organisiert hatte und der mich also kannte, und ich kaufte einen Urneneinsatz. Zur Begründung erzählte ich von einem amerikanischen Kollegen, einem Volkskundler, der weltweit über Formen von Trauerbräuchen forsche und sich ein solches Gefäß aus Deutschland erbeten habe. Beiläufig ließ ich mir mitteilen, wie schwer die Asche eines erwachsenen Menschen sei.
Mit dem sandgefüllten Urneneinsatz fuhren wir, Falk und ich, nach Freiburg. Wir ließen uns die Urne von Falks Frau aus dem Regalschrank holen, und als der Angestellte gegangen war, machten wir uns an den Austausch der Gefäße. Das war nicht einfach, weil auf dem Deckel jeweils der Ortsname eingestanzt war: "Stadt Konstanz" – "Stadt Freiburg". Falk hatte ein Taschenmesser dabei, und mit erheblicher Mühe ist es gelungen, die Deckel auszuwechseln, nicht ganz ohne Beschädigung, aber doch so, daß dieselbe nicht auf den ersten Blick zu erkennen war. Falk strich die entstandenen Beulen mit dem Messerrücken halbwegs glatt. Den Einsatz mit der Asche seiner Frau steckte er unter den Mantel, wir verabschiedeten uns von dem Angestellten und eilten zum Auto.
Auf der Höhe von St. Märgen sagte Falk: "Wir fahren nach Regensburg." Auf der Fahrt sprach er kein einziges Wort. Es war schon Mitternacht, als wir in Regensburg ankamen. Falk stellte das Auto ab, er nahm die Urne, und wir gingen zur Donaubrücke. Dort, sagte Falk, habe er seine Frau vor schiergar dreißig Jahren um die Heirat gebeten. Auf der Höhe der Brücke öffnete er die Urne, griff mit der Hand in die Asche und warf sie in weitem Bogen in den Fluß. Immer wieder griff er in die Urne, bis sie leer war. Falk blickte in die dunkle Weite. Dann sagte er: "In zweihundert Tagen, ungefähr, ist sie daheim." – "Wo ist sie daheim?" – "Im Schwarzen Meer." – Falk begann zu zittern. Er zitterte, wie ich noch nie einen Menschen zittern gesehen habe.
Nicht nur ein Schutzengel
Nachdem wir in der Grundschule den Roman "Rulaman" von David Friedrich Weinland besprochen hatten, wollten wir natürlich auch den Ort der Handlung kennenlernen.
Unser nächster Klassenausflug führte uns daher zur Schillerhöhle (der Autor nannte sie die „Tulka-Höhle“) auf der Schwäbischen Alb.
Nach einer unendlich langen Busfahrt erreichten wir einen Parkplatz, stiegen aus und erreichten nach einer Wanderung von etwa 45 Minuten die Höhle. Natürlich gingen wir sofort auf Erkundungstour in die Höhle. Sehr weit konnten wir allerdings nicht in die Höhle vordringen, denn sie wurde sehr schnell sehr eng, feucht und dunkel.
Unsere Lehrerin empfahl uns nun, uns mit unserem mitgebrachten Vesper zu stärken, denn unsere Wanderung sollte noch längere Zeit dauern.
Mein Freund Helmut und ich suchten uns also einen einigermaßen bequemen Sitzplatz auf einem Felsen neben dem Höhleneingang. Der Geruch meiner Wurst oder meiner Tomate schien eine Eidechse anzulocken, die plötzlich aus einer Felsspalte hervortrat. Als sie uns bemerkte, machte sie kehrt und rannte den steilen Hang hinauf. Jetzt war unsere Neugierde geweckt. Wir kletterten ihr nach, entdeckten sie immer wieder und verloren sie immer wieder aus den Augen. Unser Vesper hatten wir total vergessen!
Als wir von unten die Worte "Auf, Kinder, weiter geht's" hörten, machten wir uns schweren Herzens auf den Rückweg. Aber der Abstieg war schwieriger als wir dachten! Immer wieder kamen wir ins Rutschen.
Als wir endlich unten ankamen, war die Schulklasse verschwunden! Aber wohin? Es gab zwei Möglichkeiten: Der Weg auf dem wir herkamen und jener, der in die andere Richtung führte.
Der erstere schied aus, da die Lehrerin uns beim Aussteigen aus dem Bus sagte, der Bus hole uns an einem anderen Parkplatz ab. Wir beeilten uns daher, die Klasse auf dem zweiten Weg einzuholen. Immer wieder hielten wir an und lauschten, ob wir Stimmen hören konnten. Aber leider nein.
Unsere Schritte wurden schneller und schneller, der Weg wurde enger und enger bis er plötzlich vor einem Zaun endete! Hier waren unsere Schulkameraden sicher nicht weitergegangen! Wir erinnerten uns daran, dass unterwegs ein kleiner steiler Pfad von unserem Weg abzweigte. Nur diesen konnte die Klasse genommen haben. Wir hasteten zurück und erkannten tatsächlich niedergetretene Zweige auf dem steil nach oben führenden Weg.
Hätten wir doch unsere Pfadfinderkenntnisse früher angewandt!
Nachdem wir dem Weg einige Minuten folgten, öffnete sich dieser zu einem breiten Forstweg. Wir atmeten tief durch, jetzt konnte ja nichts mehr schiefgehen.
Zu unserem großen Schreck aber standen wir plötzlich vor einer Kreuzung, ein Weg führte geradeaus weiter, einer nach rechts und einer nach links. Unsere Pfadfinderkenntnisse halfen uns hier nicht weiter, denn auf den Wegen waren nur tiefe Spuren von Traktoren zu sehen.
Wir entschlossen uns, geradeaus weiter zu gehen. Nach wenigen Minuten begegneten wir zu unserer großen Freude einem Ehepaar. Wir fragten sie, ob sie eine Schulklasse getroffen hatten.
Sie verneinten und fragten uns im Gegenzug, wohin wir wollten. "Zu unserem Bus" war unsere Antwort, denn mehr wussten wir ja nicht, und wir rannten zurück zur letzten Kreuzung.
Auf gut Glück entschieden wir uns für eine Richtung.
Inzwischen waren wir schon gut 60 Minuten unterwegs und wurden langsam unruhig. Seltsamerweise aber hatten wir keine Angst, uns zu verirren, im Wald übernachten zu müssen, von wilden Tieren angefallen zu werden oder Schlimmeres. Wir dachten vielmehr an die Standpauke von der Lehrerin und unseren Eltern, wenn unser Verschwinden bemerkt und eine Suchaktion veranlasst würde.
Nach weiteren unendlich langen 30 Minuten Freude und Entsetzen zugleich! Da stand unser Bus vor uns aber der Busfahrer stand schon außen um uns gebührend zu empfangen!
Umso erstaunter waren wir, als uns der Busfahrer freundlich begrüßte und uns fragte, ob wir die Vorhut der Gruppe seien. Ein rascher Blick in den Bus sagte uns, dass wir tatsächlich die ersten waren. "Ja, ja, die anderen kommen gleich", antworteten wir verlegen.
Als dann nach einer weiteren viertel Stunde die Klasse ankam, mischten wir uns unauffällig unter sie. Niemand hatte unser Verschwinden bemerkt. Und wir hatten ein großes Interesse, dies auch niemandem zu erzählen.
Auf der Rückfahrt nickten wir zustimmend, wenn die Klassenkameraden davon schwärmten, was "wir" alles gesehen und erlebt hatten.
Wir aber waren erleichtert, dass unser Abenteuer glücklich endete und dass vor allem die Lehrerin so leichtsinnig und nachlässig war und unser Verschwinden nicht bemerkt hatte.