Senioren erzählen

Lustige und traurige Erinnerungen von Senioren

Wenn auch Sie ein nettes Erlebnis hatten, dürfen Sie es uns gerne zusenden.
Wir freuen uns auf Ihre Geschichte!

Die zwei Brüder

Bei einem jener unvermeidlichen Empfänge, die man bei Prosecco und Smalltalk wohl oder übel durchstehen muß, bin ich an die Frau Doktor Regine Windmüller geraten, die ich bisher nur von ferne, vom Hörensagen, gekannt hatte. Das war, wenn ich mich recht erinnere, Mitte der achtziger Jahre, und Anlaß war die „Woche der Brüderlichkeit“. Sie sei zwar Christin, sagte Frau Windmüller, das Weinglas in der Hand behutsam hin und herkippend, aber sie besuche auch die Synagoge und dann und wann den Gottesdienst der Moslems in der Moschee, wie sich´s ergebe. Wenn sie die Gebete, die Gesänge, die rituellen Verrichtungen dieser Andersgläubigen betrachte, staune sie immer über die Vielfalt der Offenbarung Gottes. Und sie sei dann auch nicht frei von Zweifeln. – Eng ist sie nicht, dachte ich, und es kam zu einem guten Gespräch.

Frau Windmüller war Studienrätin für Griechisch und Latein an einem hiesigen Gymnasium. Obschon jenseits der Fünfzig war sie, wie ich im Laufe dieses Gesprächs bemerkte, noch immer eine wahrhaft anmutige Frau, und ich wunderte mich, warum sie allein geblieben war in ihrem Leben. „Auch eine Frau jener Jahrgänge,“ dachte ich, „denen der Krieg die Männer genommen hat.“

Dankbar war ich später Frau Windmüller, daß sie in der Zeit, als das Unglück über unsere Familie hereinbrach, sich in mütterlicher Weise um meinen jüngsten Sohn Johann , den sie damals unterrichtete, gekümmert hat. Ich habe ihr meine Dankbarkeit kundgetan, und sie hat sich darüber gefreut. Wenn wir uns in der Stadt zufällig trafen, haben wir stets einen Schwatz gehalten.

Nach ihrer Pensionierung vor zehn Jahren habe ich sie eine Weile nicht mehr gesehen. Dann, an einem Wintertag, ist sie mir über den Weg gelaufen. Sie sei auf einem Spaziergang, sagte sie, und daß ich sie begleiten wolle, sei ihr recht. Wir gingen an dem verschneiten Seeufer entlang, an der Schmugglerbucht und der Lände vorbei bis zum Horn. Es war kalt, und so habe ich sie in den „Nikolaitorkel“ zu einem Grog eingeladen.

Sie verbringe ihre Zeit kaum noch in unserer Stadt, sagte sie, sie lebe nun das Jahr über großteils in Südtirol, auf einem Bauernhof, hoch im Gebirge. Und das kam so: In den sechziger Jahren sei sie einmal mit ihrer Mutter, als diese noch rüstig gewesen sei, einige Sommerwochen lang Feriengast auf diesem Hof gewesen. Gastgeber waren zwei Brüder mittleren Alters, die Hauswirtschaft besorgte eine alte Schaffnerin. Die beiden Männer, sagte sie, seien ihr in einer bisher noch nie erfahrenen Verehrung begegnet, sie hätten sie, unbeholfen, aber werbend in großer Zartheit, aufmunternd und schonend zugleich, teilnehmen lassen wollen an ihrem Arbeitsalltag. Sie hätten sie gelehrt, die Sense zu führen, die Kühe zu melken, die Butter zu rühren, ein Huhn zu schlachten. Anfang September, wenn es abends kühl geworden sei, habe man den Kachelofen befeuert, und sie habe den feinen Duft des Holzrauchs genossen. So schön sei das gewesen, daß es sie fortan Jahr für Jahr den Sommer über dort hinaufgezogen habe. Dann sei ihre Mutter gestorben, und dann die alte Schaffnerin, und seitdem hausten die Brüder allein auf ihrem Hof, mehr schlecht als recht, denn sie seien arm geworden durch den Umbruch der Landwirtschaft in den letzten Jahren. Eine andere Magd hätten sie nicht finden können, wohl auch nicht finden wollen, und so sei ihre Wirtschaft einer gewissen Verwahrlosung anheimgefallen. Freilich freue sie sich nach wie vor, wenn sie ins Gebirge fahre. Die beiden Brüder erwarteten sie dann immer auf dem Bahnhof in Brixen, man fahre mit dem Bus die Serpentinenstraße empor, die letzte Wegstrecke zum Hof auf einem Ochsenkarren. Sie putze dann immer drei Tage lang das Haus, sie hänge die Wäsche in die Sonne, sie koche und backe, aber all ihre Mühsal werde ihr vergolten durch das Glück, das sie aus den Augen der Männer geradezu leuchten sehe. Sie habe Jahr für Jahr mehr gespürt, wie sehr sie gebraucht werde, und so habe sie sich nach ihrer Pensionierung entschlossen, die meiste Zeit des Jahres da oben zu verbringen. Nur in den WinterKGen, wenn der Hof von hohem Schnee eingeschlossen sei, werde ihr das Leben dort schwer erträglich, und dann komme sie in die Stadt zurück. – Sie schwieg und schaute an mir vorbei auf den sich eindunkelnden See hinaus.

Als ich den Geldbeutel auf den Tisch legte, um den Aufbruch anzuzeigen, legte sie mir ihre Hand auf den Arm. Die Brüder, sagte sie, liebten mich, beide, von allem Anfang an, aber ich habe niemals irgendeine Spur von Eifersucht wahrgenommen. Auch ich liebte die beiden, den einen übrigens mehr als den andern. Aber weil der andere wohl unglücklich geworden wäre, wenn ich den einen gewählt hätte, habe ich stillgehalten bis zum heutigen Tag.

Jetzt ist Februar, sagte sie, in vier Wochen ist Mitte März, dann fahre ich wieder hinauf. Sie kramte in ihrer Tasche und zog ein Photo heraus: Zwei verwitterte Bauerngesichter, – aber Regine hatte recht: Aus ihren Augen leuchtete ein Glück.

Seither habe ich Frau Regine Windmüller nicht wieder getroffen, auch im Winter nicht. Sie wird im Gebirge geblieben sein, denke ich, bei ihren Brüdern.

G.O

Freitag, der 13.

Der Wecker klingelt. Es ist 5:30 Uhr. Ich springe auf, haste ins Bad und mache mich fertig, fertig für die Geschäftsreise nach Bergisch-Gladbach.
Der Flug nach Köln-Bonn ist um 8:00 ab Stuttgart-Echterdingen. Die Fahrt von Reutlingen nach Echterdingen dauert ca. 30 Minuten, ich habe also ausreichend Zeit.
Doch kaum bin ich auf der B312 – Stau! Schließlich komme ich 5 Minuten nach 8 Uhr am Flughafen an. Was nun?
Da lese ich zu meiner großen Freude, dass der Flug aufgrund starken Nebels über Köln ca. eine Stunde später erfolgen wird. Beruhigt checke ich ein und genieße – obwohl nur Business-class – die Vorzüge der Senators lounge, ein Service der Lufthansa wegen der Verspätung.
Dann endlich starten wir, d.h. wir versuchen es. Wegen eines Motorschadens dreht die Maschine auf der Startbahn um. Zurück in der Abflughalle rufe ich beim Auftraggeber an und erkläre ihm das Malheur. Etwas später ruft er zurück und bittet mich, die Maschine nach Düsseldorf um etwa 9:45 zu nehmen. Man werde mich am Flughafen Düsseldorf abholen. Gesagt, getan! Und gerade noch erwische ich diese Maschine.
Am Flughafen Düsseldorf erwartet mich dann eine Lautsprecheransage, die mich bittet zum Informationsschalter zu kommen. Dort erfahre ich, ich solle ein Taxi nehmen, da der Fahrer verhindert sei. Ich steige also in ein Taxi und bitte den Fahrer, mich nach Bergisch-Gladbach zu bringen.
Nach einer endlos langen Fahrt, kurz vor Bergisch-Gladbach, streikt plötzlich der Motor des Taxis. Mit einem herbeigerufenen, zweiten Taxi komme ich dann endlich mit einigen Stunden Verspätung beim Auftraggeber an.
Nach einem langen Arbeitstag bringt mich dann gegen Mitternacht ein Mitarbeiter der Firma zum Hotel. Wir verabreden, dass er mich am nächsten Tag um 7 Uhr wieder abholen wird. Doch welch eine Überraschung an der Rezeption! Das Zimmer war für den Vortag reserviert worden – heute sei das Hotel ausgebucht. Telefonisch reservieren sie mir freundlicherweise ein anderes Hotel. Mein Fahrer ist natürlich schon weg und ich muss erneut ein Taxi nehmen zu dem anderen Hotel und natürlich auch am nächsten Tag zur Firma. Mein freundlicher Fahrer wartete ja am falschen Hotel. Die Tagschicht an der Rezeption wusste natürlich nicht Bescheid und Handys gab es damals noch nicht!
Als ich endlich in der Firma ankomme, denke ich an das Lied von Reinhard Mey: Freitag der 13.
Es ist allerdings wie in seinem Lied erst Donnerstag.

W.R.

Strandmädel

Anfangs erzählte sie mir, wenn immer ich sie traf, nachdem sie mir über den öden Alltag einer Sekretärin an der juristischen Fakultät unserer Universität ihr Herz ausgeschüttet hatte, von ihrer glücklichen Theaterzeit in den Jahren der frühen DDR. Gespielt habe sie auf den Bühnen in Zittau, in Glauchau, Crimmitschau und anderswo, kleine, aber auch glänzende Rollen, in Potsdam, zum Beispiel, die heilige Johanna von George Bernard Shaw. Reich sei man nicht gewesen, aber doch von einer später nie wieder erlebten Fröhlichkeit. Warum sie die Republik verlassen und sich in den Westen aufgemacht hatte, um sich dort mit einer berufsfremden und ungeliebten Arbeit ihr Geld zu verdienen, habe ich nie erfahren. Nein, die Politik sei es nicht gewesen, darum habe sie sich nicht gekümmert, und die Lebensverhältnisse habe sie auch nicht als unerträglich drückend empfunden. Vielleicht war es mit ihren in der Erinnerung verklärten Bühnenerfolgen doch nicht so weit her?

Eines Tages bin ich spät abends von der Schweizer Fremdenpolizei in Kreuzlingen angerufen worden. Da habe sich eine Frau Grete Goldfeil eingefunden, die einigermaßen verstört sei, man wisse sich nicht so recht zu helfen, sie habe meinen Namen und meine Telephonnummer genannt. Ich bin über die Grenze gefahren und habe sie tatsächlich in einem ramponierten Zustand angetroffen. „Ich werde Sie in Ihre Wohnung bringen“, sagte ich, aber sie wehrte sich, und so habe ich sie zu mir nach Hause mitgenommen.

Was war geschehen? – An der Universität hatte sich eine unerfreuliche Affäre ereignet, Akten waren gestohlen worden, Grete Goldfeil, die mit der Sache eigentlich gar nichts zu tun hatte, wurde – wie übrigens andere auch – von der Staatsanwaltschaft geladen und vernommen. „Die Verhörmethoden“, klagte Grete, „sind noch immer dieselben wie in Leipzig damals im Herbst 1941.“ Und deshalb habe sie durchgedreht und sei in die Schweiz geflohen.

Was war 1941?

Die Gestapo habe bei einer überraschenden Kontrolle entdeckt, daß sie den gelben Stern der Juden nicht an ihre Kleider geheftet hatte, – warum auch, sei sie doch nur ein „Mischling“ und damals auch schon getauft gewesen. Man habe sie verhaftet, stundenlang sei sie in der Hindenburgstraße drangsaliert und endlich ins Gefängnis eingeliefert worden. Kurz vor Weihnachten, sie habe schon auf eine Entlassung gehofft, sei sie vor eine Kommission gerufen und vor die Wahl gestellt worden: Arbeitslager Riga oder KZ Ravensbrück. Natürlich habe sie sich für Riga entschieden, denn über Ravensbrück seien Horrorgeschichten, damals schon, in Umlauf gewesen. Grete erzählte mir bis zum Morgengrauen, was los war in den baltischen und ostpreußischen Lagern, in Straßdenhof, im Kaiserwald, in Stutthof, Hunger, Kälte, Schläge, Demütigungen, Drohungen. „Weißt du“ – sie sagte jetzt „du“ zu mir -, „es gab keinen Tag ohne Todesangst, ohne Angst, krank zu werden und mit dem nächsten Transport an einen Ort gefahren zu werden, von wo niemand mehr zurückkehrte.“

Es war schon hell, als sie mir das Wunder ihrer Errettung im Herbst 44 erzählte: Wie der junge Stephan Pfürtner wie ein Engel erschienen sei, wie sie ihr Häftlingshabit abgelegt und die Kleider, die er mitgebracht, angezogen habe, wie sie mit ihm geflohen sei nach Danzig, wie sie dort im Haus seiner Mutter verborgen worden sei bis zum Ende des Krieges.

Von Zeit zu Zeit, sagte Grete, werde sie von den Erinnerungen geschüttelt, und es verwirre sich ihr das Jetzt und das Damals. Sie werde von einer unsäglichen Angst überfallen und könne nicht mehr unterscheiden. Dann stehe sie unter einem ungeheuren Zwang zur Flucht. So sei das gestern Abend gewesen. Sie zog den Mantel an und verließ mein Haus.

Was mir die Grete erzählt hat in dieser Nacht und was sie mir erzählt hat immer wieder über die Jahre hinweg auf langen Spaziergängen durch den Lorettowald, was ihr widerfahren ist in dieser dämonischen Lagerwelt, wiederhole ich hier nicht. Sie hat es aufgeschrieben, und wer will, kann es lesen in ihrem Buch, das sie Anfang der 90er Jahre hat drucken lassen.

Manchmal stand sie überraschend vor meiner Tür und sagte, sie könne nicht schlafen, es sei ihr unheimlich in ihrer Wohnung. Dann ließ ich sie bei mir sein für zwei oder drei Nächte. Einige Wochen hat sie in der Psychiatrie gelebt, und nur mit Mühe ist es mir gelungen, sie da herauszuholen.

Nun ist sie wunderlich geworden im Alter. Sie wohnt in einer kleinen Zweizimmerwohnung am Sonnenbühl, allein mit ihrer Schildkröte, mit der sie Zwiesprache hält wie mit einem Kind. Alle paar Tage ruft sie mich an und sagt, sie wisse schon nicht mehr, warum sie habe anrufen wollen.

Neulich habe ich sie nachmittags zum Tee besucht. Grete hatte ihre besten Kleider angezogen, einen schwarzen Kaschmirpullover und einen hellgrauen Flanellrock, und sie hatte sich eine prächtige Perlenkette um den Hals gelegt. Sie ging zur Kommode und holte ein Manuskript heraus: „Das habe ich geschrieben im Sommer 46“, sagte sie. Und dann hat sie mir vorgelesen bis tief in die Nacht, eine wunderschön traurige Liebesgeschichte: „Strandmädel“, eine Idylle im schrecklichen Umfeld.

„Ein Wunschtraum?“ fragte ich. – „Ja und nein!“ sagte Grete, den Mann habe es sehr wohl gegeben, und sie habe wahrhaftig einige selige Tage erlebt. Übrigens habe sie diesen Mann 1954 zufällig wiedergetroffen, in Ostberlin, auf der Straße, unweit vom Brandenburger Tor. Aber er habe sie nicht wiedererkannt oder nicht erkennen wollen. Und inzwischen sei sie auch nicht mehr sicher, ob er es tatsächlich war. Aber sie erinnere sich noch ganz genau an diese Begegnung, denn tags darauf sei sie nach Westberlin gegangen und vom Flughafen Tegel nach Frankfurt geflogen.

G.O.

„Oben ohne“

Auf Einladung einer Europaabgeordneten durften wir zwei Tage in Straßburg verbringen.
Nachdem wir die Abgeordnete den ganzen Tag bei ihrer Arbeit begleiten durften, lud sie uns für den Abend in ein sehr feines Restaurant im Gerberviertel ein. Sie wollte uns um 20:00 am Hotel abholen.
Als dann der Portier anrief, um den Besuch anzukündigen, war meine Frau noch heftig im Bade zugange. Ich bat sie, sich zu beeilen. Nach einigen Minuten war sie dann bereit. Da es sehr kalt war, zogen wir noch schnell unsere Mäntel über und eilten hinunter an den Empfang. Wir entschuldigten uns für die Verspätung und gingen dann mit unserer Gastgeberin zum Auto und fuhren in das Restaurant. Obwohl dieses gut besucht war, hatte ich den Eindruck, es gäbe mehr Personal als Gäste.
Drei Ober bemühten sich, uns unsere Mäntel abzunehmen. Ungeschickterweise zog mir der Ober mit dem Mantel auch gleich mein Sakko mit aus. Eilig versuchte ich, es aus dem Mantel herauszuziehen. Aber, oh Schreck, es war kein Sakko vorhanden. Ich hatte es im Hotel vergessen! Am liebsten wäre ich in den Boden versunken. Wie ein Dieb schlich ich mich an unseren Tisch. Das nach Meinung meiner Begleiterinnen vorzügliche Essen konnte ich leider nicht recht genießen, zu sehr war ich beschäftigt, in Gedanken die Blicke der anderen Gäste abzuwehren.

W.R.

Die Donau hinunter

Mit Falk, dem Kollegen, habe ich viele Jahre lang, Semester für Semester, ein gemeinsames Seminar abgehalten. Mittwochnachmittags saßen wir in der Fakultät oft nebeneinander. Einmal im Jahr besuchten wir mit unseren Frauen ein Restaurant und verbrachten einen frohen Abend zusammen. Dann erkrankte meine Frau an einem rapiden und heillosen Krebs. Ich setzte Falk davon in Kenntnis und bat ihn um Entlastung im Seminar. Einmal kam Falks Frau zu uns nach Hause, ich führte sie ans Krankenbett und ließ die beiden Frauen allein. Als sich Frau Falk nach einer Stunde von mir verabschiedete, sagte sie: „Ihre Frau ist sehr tapfer.“ Zwei Monate später ist meine Frau gestorben. Falks Frau hat mich in der Zeit unmittelbar nach der Katastrophe mit wunderbar zarten Gesten in meinem Elend getröstet. Überraschend pflegte sie mich dann und wann nachmittags für eine halbe Stunde zu besuchen, und immer brachte sie mir ein Geschenk mit, einen Blumenstrauß, schöne Dinge, die sie auf irgendwelchen Trödelmärkten entdeckt hatte, einen kolorierten Kupferstich aus dem 18. Jahrhundert, einen ländlichen Mostkrug aus dem Schwarzwälder Biedermeier. Nach einigen Wochen stellte sie die Besuche ein. Ich verwunderte mich ein wenig, ohne aber nachzufragen. Falk und ich, wir setzten unsere Seminare fort, donnerstags von 10 bis 12.
Zwei Jahre später, kurz vor einem Seminarbeginn, sagte mir Falk, er sei heute nicht präpariert. Meine humorige Bemerkung, er habe am Vorabend wohl wieder einmal dem ordinären Vergnügen eines Championspiels im ZDF gefrönt, wies er kopfschüttelnd zurück. Nein, nein, er habe gestern wieder einmal seine Frau in die Onkologie der Universitätsklinik nach Freiburg gebracht. – „Wieder einmal?“ – „Ja“, sagte Falk, „seit zehn Jahren immer wieder in unterschiedlichen Abständen, und stets sind die Chirurgen am Werk gewesen.“ – „Warum haben Sie mir nie davon erzählt?“ – “ Sie wissen doch“, sagte er, „in unseren Kreisen redet man über solche Verlegenheiten nicht!“ – Ich bemühte mich in diesem Semester, Falk zu entlasten.
An einem Sonntag rief mich Falk in aller Frühe an. Er sitze am Bett seiner Frau in der Klinik. Es gehe ihr sehr schlecht, und auch er sei am Ende. Seit acht Tagen habe er keine Stunde geschlafen, und er habe in all der Zeit auch nichts gegessen. Er könne nicht mehr. – „Ich komme“, sagte ich und fuhr mit dem Zug nach Freiburg. Als ich nach längerem Herumirren durch die Stockwerke und Gänge der Klinikgebäude das Zimmer endlich fand, erblickte ich auf dem Krankenlager eine Frau, der das Sterben ins Gesicht geschrieben war. Sie hatte die Augen geschlossen, der Fieberschweiß stand ihr auf der Stirn, ein dünnes Blutrinnsal lief ihr aus dem linken Mundwinkel über das weiße Kinn.
Falk saß zusammengekauert neben dem Bett.
Ich nahm ein feuchtes Tuch aus der Schüssel und wischte der Frau über Stirne und Mund. Sie öffnete die Augen und schien mich zu erkennen, jedenfalls glaubte ich ein wundersames Lächeln über ihr Gesicht huschen zu sehen. Dann schloß sie die Augen wieder. „Wir kommen zurück“, sagte ich, nahm Falk am Arm, wir gingen in die Kantine, Falk aß, er aß nicht viel, aber er aß. Als wir ins Krankenzimmer zurückkehrten, schien die Frau zu schlafen. Ich drückte Falk die Hand, ich sagte „ich denke an Sie“ und ging.
Das war sonntags. Schon am Dienstag rief mich Falk an und sagte, daß seine Frau in der Nacht gestorben sei. Sie habe einen ungeheuren Blutschwall erbrochen, er sei hinausgelaufen, habe nach dem Arzt gerufen, und als er wieder ins Zimmer gekommen sei, da sei sie schon tot gewesen. Die notwendigen Prozeduren habe er schon in Auftrag gegeben, er lasse die Tote, ihrem Wunsch gemäß, einäschern, und er bat mich, am Freitag nach Freiburg zu kommen, um Abschied zu nehmen, im Andachtsraum des Beerdigungsinstituts in der Feldstraße.
Wir waren zu dritt, – auch der Arzt, der Falks Frau all die Jahre über immer wieder operiert hatte, war gekommen. Die Urne stand auf einem Podest, ein Blumengebinde lehnte am Pfosten, zwei Kerzen brannten. Wir drei Männer standen, die Arme verschränkt, in einer Reihe und schwiegen. Nach einer Weile griff Falk in die Tasche, holte ein handtellergroßes Tongerät heraus, drückte auf einen Knopf, und wir hörten Händels „Feuerwerksmusik“: „Die hat sie über alles geliebt“, sagte Falk. Die Tonqualität war quälend, aber das störte Falk offenbar nicht. Wir verneigten uns, wir verließen den Raum, der Arzt begab sich in seine Klinik, Falk und ich fuhren über den Schwarzwald zurück nach Konstanz.
Unterwegs sagte Falk, er wisse nicht so recht, was er mit der Urne machen solle. Seine Frau habe ausdrücklich gewünscht, auf keinem Friedhof landen zu müssen. Gewünscht habe sie, daß ihre Asche in den Wind geworfen werde, wenn möglich von der Höhe eines Berges. Das ginge, sagte Falk, vielleicht in der Schweiz, nach deutschem Recht sei das aber verboten. Er sei ratlos, er habe die Urne einstweilen im Beerdigungsinstitut deponiert.
In der folgenden Zeit fuhr Falk alle paar Wochen nach Freiburg, um sich, wie er sagte, mit seiner Frau zu beraten. Manchmal begleitete ich ihn. Ein Angestellter des Instituts führte uns ins Depot, einen ebenso würdigen wie unheimlichen wohnzimmermäßig eingerichteten Raum: Sessel waren um einen niedrigen Tisch gruppiert, die Fenster waren mit tiefroten Samtvorhängen gerahmt, an der Wand hing ein Farbdruck von Böcklins „Toteninsel“, in verglasten Regalschränken standen zahlreiche Urnen, die alle offenbar noch auf ihr Schicksal warteten. Der Angestellte schloß einen der Schränke auf, holte die mit einem Namensschildchen versehene Urne von Falks Frau heraus und stellte sie uns auf den Tisch. Dann ließ er uns allein. Da saßen wir nun eine Weile. Dann brachen wir auf, und anschließend machten wir uns immer einen guten Tag in Freiburg.
Nach einem Jahr sagte Falk: „So geht das nicht weiter. Wir holen die Asche heraus.“ Ich besuchte einen Beerdigungsunternehmer hier am Ort, eben jenen, der das Begräbnis meiner Frau organisiert hatte und der mich also kannte, und ich kaufte einen Urneneinsatz. Zur Begründung erzählte ich von einem amerikanischen Kollegen, einem Volkskundler, der weltweit über Formen von Trauerbräuchen forsche und sich ein solches Gefäß aus Deutschland erbeten habe. Beiläufig ließ ich mir mitteilen, wie schwer die Asche eines erwachsenen Menschen sei.
Mit dem sandgefüllten Urneneinsatz fuhren wir, Falk und ich, nach Freiburg. Wir ließen uns die Urne von Falks Frau aus dem Regalschrank holen, und als der Angestellte gegangen war, machten wir uns an den Austausch der Gefäße. Das war nicht einfach, weil auf dem Deckel jeweils der Ortsname eingestanzt war: „Stadt Konstanz“ – „Stadt Freiburg“. Falk hatte ein Taschenmesser dabei, und mit erheblicher Mühe ist es gelungen, die Deckel auszuwechseln, nicht ganz ohne Beschädigung, aber doch so, daß dieselbe nicht auf den ersten Blick zu erkennen war. Falk strich die entstandenen Beulen mit dem Messerrücken halbwegs glatt. Den Einsatz mit der Asche seiner Frau steckte er unter den Mantel, wir verabschiedeten uns von dem Angestellten und eilten zum Auto.
Auf der Höhe von St. Märgen sagte Falk: „Wir fahren nach Regensburg.“ Auf der Fahrt sprach er kein einziges Wort. Es war schon Mitternacht, als wir in Regensburg ankamen. Falk stellte das Auto ab, er nahm die Urne, und wir gingen zur Donaubrücke. Dort, sagte Falk, habe er seine Frau vor schiergar dreißig Jahren um die Heirat gebeten. Auf der Höhe der Brücke öffnete er die Urne, griff mit der Hand in die Asche und warf sie in weitem Bogen in den Fluß. Immer wieder griff er in die Urne, bis sie leer war. Falk blickte in die dunkle Weite. Dann sagte er: „In zweihundert Tagen, ungefähr, ist sie daheim.“ – „Wo ist sie daheim?“ – „Im Schwarzen Meer.“ – Falk begann zu zittern. Er zitterte, wie ich noch nie einen Menschen zittern gesehen habe.

G.O.

Nicht nur ein Schutzengel

Nachdem wir in der Grundschule den Roman „Rulaman“ von David Friedrich Weinland besprochen hatten, wollten wir natürlich auch den Ort der Handlung kennenlernen.
Unser nächster Klassenausflug führte uns daher zur Schillerhöhle (der Autor nannte sie die „Tulka-Höhle“) auf der Schwäbischen Alb.
Nach einer unendlich langen Busfahrt erreichten wir einen Parkplatz, stiegen aus und erreichten nach einer Wanderung von etwa 45 Minuten die Höhle. Natürlich gingen wir sofort auf Erkundungstour in die Höhle. Sehr weit konnten wir allerdings nicht in die Höhle vordringen, denn sie wurde sehr schnell sehr eng, feucht und dunkel.
Unsere Lehrerin empfahl uns nun, uns mit unserem mitgebrachten Vesper zu stärken, denn unsere Wanderung sollte noch längere Zeit dauern.
Mein Freund Helmut und ich suchten uns also einen einigermaßen bequemen Sitzplatz auf einem Felsen neben dem Höhleneingang. Der Geruch meiner Wurst oder meiner Tomate schien eine Eidechse anzulocken, die plötzlich aus einer Felsspalte hervortrat. Als sie uns bemerkte, machte sie kehrt und rannte den steilen Hang hinauf. Jetzt war unsere Neugierde geweckt. Wir kletterten ihr nach, entdeckten sie immer wieder und verloren sie immer wieder aus den Augen. Unser Vesper hatten wir total vergessen!
Als wir von unten die Worte „Auf, Kinder, weiter geht’s“ hörten, machten wir uns schweren Herzens auf den Rückweg. Aber der Abstieg war schwieriger als wir dachten! Immer wieder kamen wir ins Rutschen.
Als wir endlich unten ankamen, war die Schulklasse verschwunden! Aber wohin? Es gab zwei Möglichkeiten: Der Weg auf dem wir herkamen und jener, der in die andere Richtung führte.
Der erstere schied aus, da die Lehrerin uns beim Aussteigen aus dem Bus sagte, der Bus hole uns an einem anderen Parkplatz ab. Wir beeilten uns daher, die Klasse auf dem zweiten Weg einzuholen. Immer wieder hielten wir an und lauschten, ob wir Stimmen hören konnten. Aber leider nein. Unsere Schritte wurden schneller und schneller, der Weg wurde enger und enger bis er plötzlich vor einem Zaun endete! Hier waren unsere Schulkameraden sicher nicht weitergegangen! Wir erinnerten uns daran, dass unterwegs ein kleiner steiler Pfad von unserem Weg abzweigte. Nur diesen konnte die Klasse genommen haben. Wir hasteten zurück und erkannten tatsächlich niedergetretene Zweige auf dem steil nach oben führenden Weg.
Hätten wir doch unsere Pfadfinderkenntnisse früher angewandt!
Nachdem wir dem Weg einige Minuten folgten, öffnete sich dieser zu einem breiten Forstweg. Wir atmeten tief durch, jetzt konnte ja nichts mehr schiefgehen.
Zu unserem großen Schreck aber standen wir plötzlich vor einer Kreuzung, ein Weg führte geradeaus weiter, einer nach rechts und einer nach links. Unsere Pfadfinderkenntnisse halfen uns hier nicht weiter, denn auf den Wegen waren nur tiefe Spuren von Traktoren zu sehen.
Wir entschlossen uns, geradeaus weiter zu gehen. Nach wenigen Minuten begegneten wir zu unserer großen Freude einem Ehepaar. Wir fragten sie, ob sie eine Schulklasse getroffen hatten. Sie verneinten und fragten uns im Gegenzug, wohin wir wollten. „Zu unserem Bus“ war unsere Antwort, denn mehr wussten wir ja nicht, und wir rannten zurück zur letzten Kreuzung. Auf gut Glück entschieden wir uns für eine Richtung.
Inzwischen waren wir schon gut 60 Minuten unterwegs und wurden langsam unruhig. Seltsamerweise aber hatten wir keine Angst, uns zu verirren, im Wald übernachten zu müssen, von wilden Tieren angefallen zu werden oder Schlimmeres. Wir dachten vielmehr an die Standpauke von der Lehrerin und unseren Eltern, wenn unser Verschwinden bemerkt und eine Suchaktion veranlasst würde.
Nach weiteren unendlich langen 30 Minuten Freude und Entsetzen zugleich! Da stand unser Bus vor uns aber der Busfahrer stand schon außen um uns gebührend zu empfangen!
Umso erstaunter waren wir, als uns der Busfahrer freundlich begrüßte und uns fragte, ob wir die Vorhut der Gruppe seien. Ein rascher Blick in den Bus sagte uns, dass wir tatsächlich die ersten waren. „Ja, ja, die anderen kommen gleich“, antworteten wir verlegen.
Als dann nach einer weiteren viertel Stunde die Klasse ankam, mischten wir uns unauffällig unter sie. Niemand hatte unser Verschwinden bemerkt. Und wir hatten ein großes Interesse, dies auch niemandem zu erzählen.
Auf der Rückfahrt nickten wir zustimmend, wenn die Klassenkameraden davon schwärmten, was „wir“ alles gesehen und erlebt hatten.
Wir aber waren erleichtert, dass unser Abenteuer glücklich endete und dass vor allem die Lehrerin so leichtsinnig und nachlässig war und unser Verschwinden nicht bemerkt hatte.

W.R.

Vorsicht Unkraut!

Es vergeht fast kein Tag ohne Regen. Rudi Carrells Schlager kommt mir zur Zeit oft in den Sinn: Wann wird’s mal endlich wieder Sommer. . . . In meinem Reihenhausgarten sprießt wollüstig all das, was ich nicht gepflanzt habe. Mein Nachbar Peter kann es nicht lassen, hänselnd zu bemerken, dass die Gartenarbeit immer sehr weit unten ist.

So war es auch letzte Woche. Da kam meine Frau zu mir und meinte: In unserem verbindenden Fußweg vor unseren sechs Reihenhäusern steht an der engsten Stelle ein roter Motorroller. Die engste Stelle unseres Weges liegt vor dem ersten Reihenhaus unserer Zeile, in dem unsere alte pflegebedürftige Nachbarin alleine wohnt. Der ambulante Pflegedienst kommt dreimal am Tage zu ihr. Wir bewohnen das zweite Reihenhaus. Wir sind also die direkten Nachbarn zum ersten Reihenhaus. Kleinere Dienste erledigen wir gerne für unsere alte Nachbarin. Sie hat zwar fünf Kinder; diese sind jedoch mit ihren eigenen jungen Familien beschäftigt. Drei von Ihnen wohnen in der Nähe und kommen mehr oder weniger regelmäßig sie besuchen, besonders die Tochter. Hin und wider kommt auch eines ihrer Enkelkinder, die teilweise schon fast erwachsen sind. So dachte ich, der rote Motorroller ist bestimmt ein Besucher oder eine Besucherin bei unserer Nachbarin aus ihrer Familie. Merkwürdig war nur der behindernd abgestellte Motorroller; das hatte es noch nie gegeben. Den Motorroller kannten wir auch nicht, aber das will ja nichts sagen bei der heutigen konsumfreudigen Jugend. So ein Motorroller kostet ja nicht alle Welt, wenn zum Beispiel die Oma finanzieren hilft. Auf dem Trittbrett lag ein schwarzer Motorradhelm. Also läutete ich bei unserer Nachbarin. Nach wenigen Augenblicken öffnete sie die Haustüre. Meine Frage, ob sie Besuch habe, beantwortete sie mit ja. Genau in diesem Moment glaubte ich in ihrem Garten, in den ich durch die offene Haustüre durch ihr kombiniertes Ess- und Wohnzimmer hindurch sah, hinter dem großen Cotoneasterbusch an ihrer Terrasse eine huschende Bewegung zu sehen. Unsere alte Nachbarin war irgendwie anders wie sonst, nachdenklich oder gar etwas verstört. Sie erklärte weiter: Da kam ein junger Mann zu ihr herein, den sie nicht kennt. Wie bitte?! Sie kennen den nicht und haben ihn trotzdem hereingelassen, war meine Frage. Ja, sagte sie, er sagte, er habe meinen Sohn getroffen und müsse nun im Keller nach einem Schlüssel suchen. Und sie kennen ihn nicht, war meine nochmalige Frage. Nein, sie kennt ihn nicht. Da gingen bei mir alle Alarmglocken los: der rote Motorroller (fluchtbereit abgestellt!), die huschende Bewegung (mein Läuten an der Haustürglocke hat wohl die ausführlichere Missetat verhindert und den Missetäter in die Flucht geschlagen, was mir aber erst später klar wurde!) und die Fremdheit des Besuchers für unsere Nachbarin, den sie trotzdem ins Haus gelassen hatte! Ich nahm unsere Nachbarin aus ihrem Haus heraus und bat meine Frau, unser Telefon zu holen, damit ich nicht unsere Nachbarin allein lassen musste und weiterhin wachsam am Hauseingang unserer Nachbarin verbleiben konnte; wie gut, dass es Funktelefone gibt, die nicht mit den Anschlusskabeln den eigenen Aktionsradius zu eng begrenzen. Unser Telefon funktionierte auch vor der Haustüre und so kam ich mit dem Polizeibeamten am Polizei-Notrufanschluss ins Gespräch. Der rote Motorroller stand immer noch in unserem Weg. Meine Aufregung steigerte sich, zumal der Beamte mir nicht zuhören wollte. Er stellte seine Fragen nicht nur einmal; war er schwerhörig oder wollte er mich vorführen? Ich hatte in meiner Erregung kein Verständnis für seine lästigen Wiederholungen und für seine provokative Tonart. So oft er fragte, ob es Verletzte gäbe, verneinte ich dies. Aber ich betonte, dass ich nicht wüsste, ob der Fremde immer noch im Haus unserer Nachbarin sich aufhält und deshalb eine gewisse Gefahr weiterhin bestand. Die huschende Bewegung im Garten unserer Nachbarin kam mir da zunächst nicht in den Sinn, zu sehr war ich aufgeregt. Endlich kündigte der Beamte an, dass ein Streifenwagen bereits unterwegs sei. Das beruhigte uns zunächst, aber nach zehn Minuten steigerte sich wieder unsere Nervosität, da die Polizei immer noch nicht eingetroffen war und wir nicht wussten, welche Situation im Haus unserer Nachbarin gegeben ist. Erst nach fast dreißig Minuten kam der Streifenwagen mit einer Beamtin und einem Beamten. Der rote Motorroller mit dem schwarzen Motorradhelm war immer noch da. Das Kennzeichen des Motorrollers hatte ich am Notruftelefon bereits durchgegeben; so konnten die beiden Beamten uns darüber informieren, dass der zwischenzeitlich ermittelte Halter bekannt sei, auch einschlägig.

Zunächst gingen die beiden Beamten mit gezogenen Waffen durch das ganze Haus unserer Nachbarin und untersuchten alle Ecken und Schränke. Es war niemand mehr da. Danach begann die Zeugenanhörung, die sich durch die inzwischen aufmerksam gewordene Nachbarschaft ausdehnte; denn der Motorrollerfahrer wurde zuvor schon beim Ausspähen seines Zieles auf der Rückseite des nachbarschaftlichen Reihenhauses gesehen. Auch wurde er beobachtet, wie er zuvor in der weiteren Nachbarschaft einen älteren Mann befragte. In unserer Straße war plötzlich heller Aufruhr. Während der Zeugenvernehmungen, die auch im hinteren Garten unserer Nachbarin stattfand, wegen den Fußspuren in ihren Blumenbeeten, rannte der eine Polizeibeamte plötzlich wieder auf die Vorderseite des Reihenhauses unserer Nachbarin und konnte gerade noch rechtzeitig das Wegfahren des Motorrollers verhindern. Wir gingen ebenfalls wieder auf die Vorderseite und sahen einen Mann, um die fünfunddreißig Jahre, und eine etwas gleichaltrige blonde Frau. Beide zeigten Tätowierungen an Armen und Beinen und machten keinen vertrauenserweckenden Eindruck. Der Mann trug den schwarzen Motorradhelm unter Arm, die blonde Frau saß auf dem Motorroller. Das Auftreten der beiden gegenüber den Beamten war selbstsicher, raffiniert, ausgekocht, zynisch und erfahren. Natürlich waren sie keine Übeltäter und hatten manche offensichtliche freche Lüge auf Lager. Gerne hätten wir die Antwort der beiden Verdächtigen gehört auf die Fragen, warum sie den Motorroller hier wegfahren wollten; woher sie wussten, dass dieser hier stand und warum dieser hier überhaupt abgestellt war. Die Polizeibeamten baten nun uns und die zahlreich anwesenden Nachbarn, die Ermittlungsarbeiten jetzt nicht mehr zu begleiten. Wir gingen auseinander und betonten noch, wie wichtig es ist, Unregelmäßigkeiten in der vertrauten Umgebung wahrzunehmen und gegebenenfalls daraus rasch Rückschlüsse zu ziehen.

Nun kamen auch die telefonisch verständigte Tochter und der älteste Sohn unserer Nachbarin hinzu und kümmerten sich um ihre Mutter, die wir zuvor in ihrer Küche mit einer Sitzgelegenheit und einem Glas Wasser versorgten; sie war immer noch leicht verwirrt und hilfebedürftig. Kleinlaut bemerkte sie einmal nebenbei, sie wisse, dass sie leichtsinnig sei. Bei einer von den Polizeibeamten veranlassten Gegenüberstellung mit dem Motorrollerfahrer konnte unsere Nachbarin nicht bestätigen, ob er es gewesen sei. Sie war offensichtlich nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen und sich ein sicheres Urteil zu bilden.

Von der Tochter unserer Nachbarin erfuhren wir noch später, dass ihre Mutter in ihrem Wohnzimmer einen Alarmknopf gehabt hätte, der auch für solche Fälle gedacht war; bei seiner Aktivierung wäre der beauftragte Hilfsdienst raschmöglichst gekommen. Wirklich und vor allem rechtzeitig? In uns entstanden Zweifel. Eine pflegebedürftige ältere Person kann wohl in solchen Stresssituationen nicht mehr an die nahe liegende moderne Technik denken, mit der sie ein langes Leben lang nichts zu tun hatte. Die Angehörigen dürfen deshalb nicht dem irrigen Glauben verfallen, dass technische Einrichtungen für ihre alten Eltern eine umfassende Sicherheit bieten. Nein, im Gegenteil, Menschen, erst recht ältere Menschen in Not brauchen menschliche und keine technische Hilfe. In Stresssituationen können Menschen besser helfen als Automaten, weil sie sofort die gesamte Situation oder wenigstens das Wesentliche einer Situation sofort erkennen können. Diese Fähigkeit hat kein Automat. Aus dieser Erkenntnis müssen die Angehörigen Rückschlüsse zu ziehen, sie müssen sich mit den unmittelbaren Nachbarn in Verbindung setzen und mit diesen einen Schutzmechanismus organisieren. Und die Nachbarn müssen dies auch wollen, denn sie könnten auch einmal auf die aufmerksame Nachbarschaft angewiesen sein.

Ich ging zurück in meinen Garten hinter unserem Haus und kümmerte mich wieder um das Unkraut. Immer wieder fragte ich mich dabei, wie viel Unkraut es auf dieser Welt wohl gibt.

Volker Lerch

Bocksprung bis zum Umfallen!

Seit Jahren war das Turnen mit der Note 3 mein schlechtestes Fach. Und auch jetzt, kurz vor dem Abitur, stand ich knapp über der Note „befriedigend“.
Der letze Turnunterricht musste über die Note entscheiden.
Nacheinander mussten wir über den ungeliebten Bock springen. Unser Lehrer vermerkte die Note und der Springer durfte hinaus auf den Sportplatz und Fußball spielen.
Dann war die Reihe an mir.
„Der Sprung war nicht optimal, stelle Dich hinten an, Du musst noch einmal springen“, war der Kommentar des Turnlehrers.
Als ich dann als Letzter wieder an der Reihe war, war auch dieser Sprung nicht überzeugend.
Der Lehrer wollte unbedingt, dass ich nicht ausgerechnet in seinem Fach nur eine 3 hatte. Er wollte mir aber die Note auf keinen Fall schenken. So ließ er mich springen und springen bis er zufrieden war und sagte „dies war eine glatte Eins und wir kommen dann auf einen Durchschnitt von 2,3 also eine 2 – Du kannst zum Fußballspielen gehen“.
Allerdings war die Stunde inzwischen um und die Schulkameraden vielleicht schon zuhause!

W.R.

Die Nacht von Marrakech

Sommersemesterferien 1971. Jetzt noch 6 Wochen arbeiten und dann die Traumreise! Im alten VW auf nach Marokko, nach Marrakech, das Mekka der Hasch – Jünger…..obwohl wir gar keine waren. Karl und ich hatten es endlich geschafft. Wir fuhren in Karls Herbi durch Frankreich und Spanien Richtung Marrakech.

Von Algeciras aus, der Stadt gegenüber von Gibraltar schifften wir uns ein nach Tanger ….allerdings ohne unseren Herbi, aber das war so geplant. In Tanger setzten wir uns in einen Zug und fuhren die Atlantikküste längs bis Casablanca, der Stadt von Rick´s Café. Hier stiegen wir um in den Marrakech – Express und erreichten am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang Marrakech. Der Zug fuhr durch Orangenhaine in eine Welt, wie wir sie vorher noch nie gesehen hatten.

Während dieser Fahrt hatten wir Latif kennen gelernt. Ein ebenso junger Bursche wie wir. Sein Vater musste wohl sehr reich ein, denn dieser hatte ihm für sein bestandenes Abitur eine Europareise geschenkt. Durch ihn lernten wir schnell einige Marokkaner und Kneipen kennen, die wir sicher hätten lange suchen müssen. Und auch Mhammed. Mhammed war vielleicht Mitte 20 und besaß eine Pferdekutsche, mit der er Touristen die Stadt zeigte.

Mhammed machte uns einen guten Preis und Karl und ich ließen uns Marrakech und Umgebung von einer Pferdekutsche aus zeigen. Während des Tages lernten wir uns immer besser kennen und Mhammed lud uns dann für den nächsten Abend zu sich nach Hause zum Essen ein. Wir verabredeten eine Uhrzeit und Mhammed versprach uns abzuholen.

Karl und ich wohnten in einem Hotel für 5 (fünf!) D – Mark in der Altstadt, durch einen großen steinernen Torbogen ca. 50 m entfernt vom Djemaa El Fna, dem berühmten Marktplatz von Marrakech. Zur Erinnerung. Wir schreiben das Jahr 1971. Der Tourismus war schon da, klar. Aber es war noch die Zeit, dass schon mal eine blonde Frau verschwand und nie wieder auftauchte. Wir waren 2 junge, kräftige Burschen, mit denen so ein Sultan eher weniger anfangen konnte und außerdem hätten wir jedem sicher gezeigt, wo Dingsbums den Most holt. Also ein ungutes Gefühl hatten wir sicher nicht. Aber es muß gesagt werden, dass nach Einbruch der Dunkel-heit die Touristen aus der Altstadt und vom Djemaa El Fna verschwanden. Da waren dann die Araber unter sich.

Mhammed hielt Wort und holte uns an dem Torbogen ab. Wir gingen zu ihm nach Hause. Er bewohnte mit seiner Frau in einem vielleicht 3 stöckigem Haus ein Zimmer. Küche und andere Räume teilten sich die Hausgemeinschaft. Er hatte noch einen Freund eingeladen und seine Frau hatte Kuskus zubereitet. Wir erlebten einen exotischen Abend. Nach dem Essen ging es auf das Dach und ein “Pfeifchen“ brannte uns diese Bilder ein zu unvergessenen Eindrücken. Es mochte irgendwann zwischen 0.00 und 1.00 in der Nacht gewesen sein, als wir dann schließlich den Abend beendeten.

Mhammed und sein Freund brachten uns zum Djemaa El Fna bis zu dem Torbogen. Von diesem aus konnten wir unser Hotel schon sehen. Sonst hätten die beiden uns sicher bis zum Eingang gebracht. Die beiden waren beruhigt, uns sicher abgeliefert zu haben und wandten sich um und gingen.

Karl und ich waren noch so fasziniert von dem Treiben auf dem Platz, die vermummten Gestalten (Frauen sah man schon tagsüber kaum und um diese Zeit schon mal gar nicht), überall brannten kleine Feuer, wurden noch Mahlzeiten zubereitet, wurde durcheinander geredet, irgendwo kam orientalische Musik her, was getrunken wurde, keine Ahnung.

Und dann, plötzlich, ohne eine Vorankündigung….sie muß von hinten, von der Seite gekommen sein….ein wunderschönes Mädchen vielleicht 18 Jahre alt mit langen blonden Haaren, T-Shirt, Jeans griff mit beiden Händen in meine Oberarme und krallten sich fest. 2 übergroße angstverzerrte Augen starrten mich an.

Und dann redete sie auf mich ein…..ein Schwall von Worten….französisch…..toll…das war aber so ziemlich das einzige, was ich feststellen konnte. Ich verstand nichts, aber eines war klar….sie hatte furchtbare Angst.
Ich versuchte meine Gedanken zu sortieren und mit einem Jahr Französischunterricht brachte ich schließlich hervor…je suis Allemagne. Ich denke mal, sie hatte auch ein Jahr Deutsch-unterricht gehabt und stammelte…Angst…viele Männer, dabei zeigte sie auf eine Gruppe von vielleicht sechs , sieben vermummten Gestalten in ihren langen Kaftanen, die abwartend in einer Entfernung von ca. 10 m uns beobachteten. Daß die nichts Gutes im Schilde führten, dazu brauchte man wirklich kein Hellseher sein. Also…..was tun?

Dann der zündende Gedanke…Mhammed als Marokkaner sprach französisch. Wir hatten uns auf englisch mit sehr niedrigem Niveau verständigt, aber es ging. Ich schaute in die Richtung, in der Mhammed und sein Freund verschwunden waren und richtig. Dort standen sie noch, einen Steinwurf entfernt….und beobachteten diese Szene. Sie hatten bemerkt, dass etwas nicht stimmte und waren ganz einfach stehen geblieben. Ich winkte Mhammed zurück.

Und jetzt kam es noch dicker. Als das Mädchen bemerkte, dass ich auch so dunkle Gestalten kannte, wurde der Schrecken in ihrem Gesicht noch größer, ihre Augen weiteten sich und sie wollte weglaufen. Aber jetzt hielt ich sie an den Oberarmen fest. Ich denke, sie hat sicher einige Tage blaue Flecken gehabt, denn ich mußte sie wirklich mit Kraft festhalten. Nach einigen Sekunden allerdings ermatteten ihre Kräfte und sie schien sich in ihr Schicksal zu ergeben.

Es waren quälende Sekunden bis Mhammed endlich heran war. Aber dann stand er neben uns. Ich bedeutete ihm, mit dem Mädchen zu reden. Die beiden sprachen dann zusammen….. französisch. Mhammed sagte mir dann, sie hätte noch mal das Hotel verlassen und sich dann verlaufen. Frag sie, ob sie den Namen des Hotels weiß. Sie wusste ihn. Ich fragte dann Mhammed, ob er das Hotel kenne. Er grinste mich schon ein wenig stolz und meinte….sure….sicher.

Es war eine schon seltsame Szene. Ich sagte nur…..also dann… und nickte mit dem Kopf nach vorne. Mehr wurde nicht mehr gesprochen. Es wurde auch nicht abgesprochen wie wir gehen sollten. Es funktionierte intuitiv. Niemand rührte das Mädel an, nahm es beschützend in den Arm, an die Hand oder so. Wir gingen los….2 Mann vorne 2 Mann hinten, das Mädchen in der Mitte. Eine Formation, als würde man einen deutschen General abführen.

Ich ging hinten und kam beim Abmarsch so bis auf 2 m an die wartenden dunklen Gestalten heran. In meinem Kopf spielte sich eine Messerattacke ab und wie ich zurückschlagen würde. Die Augen, die uns da verfolgten waren voll blankem Hass. Hatten wir ihnen doch die Beute in letzter Sekunde entrissen. Aber die Messerattacke blieb aus.

Wir verließen den hell erleuchteten Djemaa el Fna und gingen durch die dunklen Souks…mal dunkler mal heller. Niemand sprach ein Wort. Was mag in dem Kopf des Mädchens sich wohl abgespielt haben? Ich weiß noch, es war kein kurzer Weg, wir gingen bestimmt gut über 10 Minuten durch dieses Labyrinth und dann letztlich bogen wir immer noch in unserer Marschformation um eine Ecke und ein kleiner Platz öffnete sich. Und da saßen sie.

Die Freunde von unserem Schützling, Jungen und Mädchen, bestimmt so 20 an der Zahl. Sie saßen draußen auf dem Bürgersteig vor dem Hotel, sie standen rum, die Fenster im ersten Stock waren voller junger Menschen. Sie warteten auf ihre Kameradin, die schon schmerzlich vermisst wurde. Augenscheinlich war es eine Schulklasse auf Klassenfahrt.

Als wir uns dann aus der Dunkelheit lösten und uns auf sie zu bewegten, plötzlich ein gellender Schrei. Alles fuhr zu uns herum und stürmte im nächsten Augenblick los und umringte uns. Es war nur ein Stimmenwirrwarr zu hören und verstehen konnten wir eh nichts.

Letztlich standen wir 4 Retter etwas verloren und schauten uns das Spektakel an, wie die anderen jungen Leute auf das Mädchen einredeten, es umarmten und über ihr Haar strichen. Plötzlich drehte sie sich zu mir, kam zu mir, nahm mich in den Arm, drückte mich an sich und küsste mich. Dann drehte sich rum und lief so schnell sie konnte, ins Hotel. Ich habe sie nie wieder gesehen.

Nachdem uns einige der jungen Leute auf die Schultern geklopft hatten, machten wir uns auf den Weg zurück. Ich habe nicht mehr in Erinnerung, ob gesprochen wurde. Dieses Erlebnis hatte jeden von uns irgendwie aufgewühlt. Ich habe auch nicht mehr in Erinnerung, ob wir Mhammed noch mal gesehen haben. Ich glaube, so zwei Tage später haben wir dann den Heimweg angetreten.
Sicher hätte ich bei jedem anderen Mädchen ebenso reagiert, aber dass es eine Französin war, hatte mich schon sehr gefreut. Und, als Frontmann von den Vieren, habe ich sie retten dürfen…nicht weil ich so mutig oder tapfer war, ich war einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

K.Michael Erkelenz

Der Plesir-Onkel

Im Jahre 1943 wurde ich in Tübingen geboren. Wir waren bei meiner Großmutter untergebracht. Sie wohnte im großen Haus eines bekannten Medizinprofessors. Wir waren dadurch sicher vor den Bomben, die über Stuttgart, dem ursprünglichen Wohnort meiner Eltern, niedergingen. Tübingen war schon damals eine Stadt mit großen Universitätskliniken und daher im Kriege weitgehend verschont geblieben. Meine einzige Erinnerung an die damalige Zeit ist der starke Duft der Buchssträucher, die den langen Weg von der Straße durch den Garten zum Haus säumten. Auch heute noch denke ich sofort an diesen Weg, wenn ich irgendwo den Duft von Buchs verspüre. Meine Eltern erzählten mir nun folgendes.
Kurz vor Ende des Krieges wurde der Garten und das Haus von einer französischen Einheit besetzt. Die führenden Militärs wohnten im Hause, die Mannschaft in einem großen Zelt im Garten. Offensichtlich hatten die Soldaten Freude an mir, und schon am ersten Tag stopften sie mir die Hosentasche voll mit allerlei Leckereien. Dies ging einige Tage so weiter. Meine Großmutter wusste die Situation auszunutzen. Sie zerschnitt eine ihrer Schürzen und nähte daraus eine kleine Schürze für mich mit zwei riesengroßen Taschen. Damit schickte sie mich nun in den Garten zum Spielen, wobei sie mir noch zurief: „Und sag schön ‚Märsi‘, wenn Du etwas geschenkt bekommst, das heißt ‚Danke‘ auf französisch. Ganz stolz kam ich kurz darauf zurück in die winzig kleine Wohnung, die man uns zugewiesen hatte, und schrie ganz aufgeregt: „Schaut, was mir der liebe Plesir-Onkel gegeben hat, Kaffee für Mama und Oma, Zigaretten für Papa und Schokolade für Wolfgang“.
Woher der Name „Plesir-Onkel“ kam, kann ich heute nur vermuten. Hatte der liebe Onkel auf mein „Märsi“ vielleicht mit „avec plaisir“ geantwortet?

W. R.

Die lange Nacht

Ab meinem 12. Geburtstag fuhr ich in den Sommerferien ca. 40 km mit dem Fahrrad von Weilimdorf nach Breitenholz, einem winzigen Dorf zwischen Tübingen und Herrenberg. Bei dem damaligen Straßenverkehr war dies noch recht angenehm und ungefährlich. Während 3-4 Wochen half ich dort meiner Großtante und meinem Großonkel bei der Getreide- und Heuernte.
Ab dem 16. Lebensjahr fuhr ich dann in den Sommerferien zunächst über den Schwarzwald nach Straßburg und von dort am nächsten Tag weiter an den Lac de Longemer in den Vogesen. Dort verbrachte ich ca. 2 Wochen auf dem Zeltplatz. Von dort fuhr ich dann zurück nach Breitenholz zur Ernte. Im dritten Sommer sollte aber alles anders kommen. In der Abfahrt aus dem Schwarzwald in Richtung Frankreich brach plötzlich der Gepäckträger meines Fahrrads. Der Koffer öffnete sich und die Kleidung lag auf der Straße verstreut. Das Zelt kullerte einige Meter einen Abhang hinunter. In aller Eile suchte ich meine Siebensachen zusammen und stopfte sie in den Koffer. Allerdings war Eile nicht geboten, denn es gab damals noch kaum Verkehr auf dieser Strecke. Wie sehr hätte ich mir einen LKW gewünscht, der mich hätte mitnehmen können. So aber holte ich noch mein Zelt und lud es zusammen mit dem Koffer auf Querstange und Lenker. An Fahren war nicht mehr zu denken. Ich schob daher mein Fahrrad gefühlte 100 km (in Wirklichkeit waren es etwa 4 km) zum nächsten kleinen Dorf. Zum Glück fand ich dort auch schnell einen Hufschmied, der mir den Fahrradständer schweißte. Als er erfuhr, was ich noch vor hatte, verzichtete er auf eine Bezahlung und er gab mir darüber hinaus noch eine Rolle festen Draht „für alle Fälle“. Der Rest der Hinfahrt verlief dann problemlos.
Am vierten Tag aber schon die nächste Überraschung! An der Rezeption lag ein Brief für mich; das konnte nichts Gutes bedeuten! Ich öffnete den Brief und war zunächst beruhigt, kein Unglück war passiert. Stattdessen eine Hilferuf „Bitte komme möglichst rasch, die Ernte ist schon in vollem Gange“.
Den Tag wollte ich aber noch genießen, ich ging noch einmal schwimmen im Lac de Longemer, und spielte Boule mit meinen französischen Freunden. Dann verabschiedete ich mich, packte meinen Koffer und baute mein Zelt ab. Gegen 20:00 führ ich dann los in Richtung Breitenholz. Kurz vor Mitternacht kam ich in Wintzenheim, einem kleinen elsässischen Weindorf, an. Dort herrschte noch reges Treiben – es wurde ein Weinfest gefeiert. Nach der anstrengenden Vogesenüberquerung nahm ich die Gelegenheit gerne wahr und ruhte mich ein wenig aus bei einem (oder waren es mehr?) Glas Edelzwicker. Danach ging es beschwingt weiter. Gegen Mittag kam ich dann völlig übermüdet bei meinen Verwandten an. Ein gutes Vesper und ein Glas Most machten mich aber wieder fit für die schwere Erntearbeit!

W.R.

Forelle blau

Man erzählt sich folgendes.
Als gegen Ende des 2. Weltkriegs die französische Armee sich der Stadt Radolfzell näherte, verbreitete sich in der größten Schnapsbrennerei der Stadt die Angst, die Besatzer könnten nach Beschlagnahme der umfangreichen Alkoholvorräte diesem zu ausgiebig zusprechen. Da man vor den Folgen übermäßigen Alkoholgenusses der jungen Männer Angst hatte, entschloss man sich, sämtliche Alkoholvorräte in die Aach-Mündung und in den Bodensee zu kippen.
Ob daher wohl der Begriff „Forelle blau“ herrührt?

W.R.

Ein Leben bei der Bahn

Wenn man nach 558 Monaten, also etwas mehr als 46 Jahre, auf die Zeit bei der Bahn zurückblicken kann und darf, sind es meist schöne Erinnerungen die im Gedächtnis geblieben sind.
Die Eisenbahn hat seit nun bald 185 Jahren die Menschen in ihren Bann gezogen als faszinierendes Unternehmen. Die Geschichte der Bahn von der Pferdeeisenbahn 1832 von Budweis nach Linz, über die erste Dampflok von Herrn Stevenson aus England (1835 Nürnberg – Fürth) über moderne und schnelle Dampfrösser, Diesellokomotiven, elektrische Loks bis hin zum ICE oder Transrapid ist von der technischen Entwicklung ebenso interessant wie der mit der Bahn verbunden wirtschaftliche Aufschwung und die Flexibilität der Menschen, die möglich wurde.
Wie kam ich zur Bahn?
1958, am Ende der Schulzeit stellte sich die Frage: Was soll ich werden?
Vater meinte, versuche es beim Staat, Staaten schließen seltener als Firmen. Die Wahl fiel auf die Bahn.
Am 2. Mai 1959 wurde ich bei der Bahn eingestellt. Heimatdienststelle, so stand es im Schreiben, war der Bahnhof Grötzingen. Allein schon der Name „Heimatdienststelle“ drückt ein Gefühl für Geborgenheit und behütet sein aus.
Den ersten Satz des damaligen Abteilungspräsidenten Herr Brecht vergesse ich nicht: Männer- Frauen gab es noch wenige bei der Bahn – seid stolz bei einem Unternehmen arbeiten zu dürfen mit 500.000 Beschäftigten.
Damals hatte die Bahn in Frankfurt in der Hauptverwaltung nur einen Vorsitzenden – Heinz Maria Öftering.
Heute arbeiten weltweit 300.000 Beschäftigte bei der Bahn und zeitweise hatte der Vorstand 7 Mitglieder – heute sind aktuell 4 Vorstände tätig.
Schon in den ersten Tagen wurden einem die vielfältigen Sozialleistungen genannt, und man trat in das Bundesbahnsozialwerk oder in den Eisenbahnwaisenhort als Spender ein. Freifahrt und billige Kohle waren natürlich der große Anreiz, später konnte man auch Heizöl günstig beziehen Eine Wohnung in bahneigenen Anlagen oder einen Garten konnte man auch erhalten, wenn auch die Wartelisten lang waren.
In der Miete der Bahnwohnungen war ein kleiner Betrag für Renovierungen enthalten, was auch heute noch gut ankommen würde.
Schon in der langen Ausbildungszeit hatte die Bahn Wert darauf gelegt, möglichst umfangreich auf jedem Gebiet in Theorie und Praxis zu schulen. Eigene Bahnlehrer für Personen- und Güterverkehr, für Betrieb oder für Lokführer, für Finanzen oder Verwaltung waren ebenso selbstverständlich wie eigene Bundesbahnschulen.
Und zahlreiche eigene Ärzte, die Bahnärzte, waren gefragt, denn ohne Untersuchung wurde fast niemand eingestellt.
Bei den großen Bahnhöfen einschließlich der großen Rangierbahnhöfe war rund um die Uhr Ersatzpersonal in Reserve eingeteilt für den Fall, dass jemand ausfiel. Möglichst kein Zug sollte ausfallen.
Bauarbeiten wurden so organisiert, dass dadurch kein Zug ausfallen sollte und nicht, wie heute, die Strecke tage- oder wochenlang gesperrt wird und Busse als Ersatz zum Einsatz kommen.
An technischen Fortschritt wurde damals schon gedacht, aber bevor ein Wagen, eine Lok oder ein Zug auf die Strecke gelassen wurde, haben die 2 bahneigenen Zentralämter in München und Minden die Neuerungen auf Herz und Nieren geprüft. Heute liefern die Firmen direkt, und man stellt dann fest, was nicht funktioniert, wie z.B. Neigezugtechnik, Klimaanlagen usw.
Bei der Erstellung des Fahrplans für alle Züge und Strecken, eine hochspannende und nicht leichte Angelegenheit, ging es nicht darum, Minuten oder Sekunden einzusparen, sondern es wurde ein Zeitpuffer eingeplant, denn man wusste ja nicht ob im Nah- und Fernverkehr viel oder weniger Reisegepäck oder Expressgut ein- bzw. ausgeladen werden musste.
Die riesige Verwaltung wurde uns erst langsam bewusst. Bahnhof- Ämter- Direktionen- Hauptverwaltung und innerhalb dieser Stellen noch Abteilungen, Dezernate mit eigenen Leitern und Präsidenten, dazu der Vizepräsident und schließlich der Direktionspräsident.Bis da eine Entscheidung oder eine Antwort kam, das konnte dauern.
Viele Veränderungen waren daher notwendig.
Dass man aber die Bahnhöfe und die Bahnhofsvorsteher praktisch weg rationalisiert hat, ist für mich heute noch ein großer Fehler. Vor Ort gibt es so heute keinen Ansprechpartner. Und kaum einer weiß, wohin er sich bei Fragen wenden kann.
Also wie sagt man so schön: Jede Verbesserung ist ein Fortschritt, aber nicht jeder Fortschritt ist eine Verbesserung.
Was sicher bei der Beobachtung der Verhältnisse heute eine Rolle spielt, ist das Anspruchsverhalten der Kunden, also von uns allen.
Früher war man eher froh und vielleicht sogar dankbar, von A nach B zu kommen, heute heißt es „ich zahle und erwarte dafür viel“.
Meine persönlichen Betätigungsfelder waren (kurz zusammengefasst):
5 Jahre im Personaldienst , dabei genau 200 Menschen eingestellt.
12 Jahre Betriebslehrer, rückblickend die schönste Zeit. Mit Menschen zu arbeiten, zu versuchen,ihnen die Vielfalt zu erläutern, sie zu ermuntern, stets die Sicherheitsvorschriften zu beachten und die Freude, wenn alle die Prüfung bestanden hatten.
20 Jahre beim Bahnsozialwerk, heute Stiftung Bahnsozialwerk. Vielfältiger Einsatz für die Belange der Kolleginnen und Kollegen mit eigener Suchtvorsorge durch unsere Sozialarbeiter, Betreuung in Krankheits- und Notfällen, eigene Ferieneinrichtungen, um nur einige Punkte dieser Arbeit zu nennen.
Zum Schluss einige aktuelle Zahlen: (Stand 2016)
4 Vorstände Dr. Lutz, Herr Weber, Herr Huber und Herr Profalla
20 Personen im Aufsichtsrat: Spitze Prof. Dr. Feicht und Herr Kirchner
Weltweit 300.000 Mitarbeiter davon 195.000 in Deutschland, rund 96.000 im übrigen Europa, 15.000 in Asien und 9.500 in Nordamerika
5.5 Millionen Kunden täglich
558 Tausend Tonnen beförderte Güter
2.1 Millionen Fahrgäste in Bahnbussen
40.000 Züge täglich
5662 Personenbahnhöfe in Deutschland
40,6 Milliarden Umsatz im Jahr 2016
Mein persönliches Fazit: Es war eine interessant, tolle Zeit.

Hans-Peter Klauda